Im victorianischen Zeitalter Amerikas kam in einem Ort des Staates Arkansas folgendes Edikt heraus: "Section I. Es ist innerhalb der Grenzen dieser Stadt ungesetzlich, für Männer und Frauen, geschlechtlichen Verkehr zu haben. Section III. Ausgenommen sind Eheleute, soweit sie nicht unkeusch miteinander verkehren." Die latinisierte Variante von "unkeusch", "unflätig", "unanständig" ist: "obszön".

Wer aber nun die legalen Aktivitäten jener Ehen abgebildet oder beschrieben hätte, wäre immer noch strafbar gewesen. Ergo: es gibt a) ein obszönes oder nicht-obszönes Verhalten des Körpers; und es gibt, davon getrennt, b) eine obszöne oder nicht-obszöne sprachliche oder bildnerische Schilderung.

Selbst die, welche sich, für enorm aufgeklärt halten, ziehen, was die Darstellung betrifft, die Grenze zwischen obszön und nicht-obszön entlang der Grenze zwischen künstlerisch und unkünstlerisch. Deshalb pflegen Verleger von künstlerisch-unanständiger Literatur ehrenwerte Leute als Kronzeugen heranzuholen. Sie haben dem Buch mit den unanständigen Worten und den unanständigen Taten zu attestieren, daß es künstlerisch, vielleicht geradezu moralisch sei.

Die erste ungekürzte amerikanische Ausgabe von D. H. Lawrences "Lady Chatterley’s Lover" kam im vorigen Jahre, vierunddreißig Jahre nach Erscheinen des Werkes, als Taschenbuch heraus. Gewappnet (unter anderem) mit einem Brief des sehr angesehenen Archibald MacLeish‚ weiland Bibliothekar der Library of Congress, weiland Empfänger des Pulitzer-Preises, ein anerkannter Lyriker, Verfasser eines biblischen Dramas. Dieser sehr respektierte Herr gehörte zur stattlichen Vorhut, welche die Pfeile gegen die Vier-Buchstaben-Worte (in Deutschland sind es mehr Buchstaben) auffingen mit dem Freispruch: "nicht obszön". Und MacLeish definierte "obszön": "dirt for dirt’s sake" ... eine Definition, die ebenso verbreitet wie kompletter Unsinn ist. Es gibt ebensowenig "Schmutz um des Schmutzes willen", wie es "l’art pour l’art" gibt; man denkt nur über die berühmte Phrase nicht mehr nach.

Nehme ich dieses "Schmutz um des Schmutzes willen" unter die Lupe, so entdecke ich noch viel Schlimmeres als unklares Denken: daß der Verteidiger von D. H. Lawrence seinen Roman eben für Schmutz hält... allerdings für Schmutz, geschildert im Dienste eines höheren Ziels, sagen wir: für erlauchten, für veredelten Schmutz.

Die Klassiker der obszönen Literatur hingegen sind ahnungslose Engel. D. H. Lawrence hatte gemeint: "Niemand kennt den Sinn des Wortes obszön." Und Henry Miller fügte hinzu: niemand kennt den Sinn dieses ganzen Wortschwarms – "sinnlich", "schlüpfrig", "schmutzig", "unanständig". Henry Miller ging, in rührender Naivität, so weit, aus dem Römer-Brief die Stelle XIV, 14, zu zitieren: "Ich weiß und bin in dem Herrn Jesus gewiß, daß nichts an sich gemein ist; nur dem, der es rechnet für gemein, ist’s gemein." Man sieht mit Staunen, wie kindlich die Klassiker des Obszönen sind.

Ihre klassischen Verteidiger sind es weniger. Sie suchen nach mildernden Umständen. Keiner von ihnen jubelt mit Ovid: "Formen der Lust gibt’s tausend". Sie ziehen sich zurück auf die Linie: gestaltete Unanständigkeit – oder "Pornographie"; übrigens: von Pornos, die Sau, auf deutsch (nach dem Großen Meyer) "Huren-Literatur", wobei Meyer leider nicht sagt: von, für oder über Huren geschrieben.