Havana, im August

Louis trat heftig auf die Bremse. Erschreckt sprang das hübsche kaffeebraune Mädchen vor dem schweren amerikanischen Wagen zur Seite. Das Auto kam nicht gleich zum Stehen. Louis, seit zwanzig Jahren Taxifahrer in Havana, fluchte. Um den Wagen sammelte sich eine Menschenmenge. Die Leute schrien in den Wagen hinein, einige riefen "Yankee, no." Louis schimpfte aus dem Wagen heraus.

"Was war los?" fragte ich ihn, als wir endlich weiterfahren konnten. "Ich habe den Leuten erklärt, warum der Wagen nicht sofort stand, als ich bremste." – "Warum stand er nicht?" – "Die Bremsbeläge sind hin, schon seit zwei Monaten. Aber ich kann keine neuen kaufen – Sie wissen, amerikanische Importe. Ich habe meinem Vetter in Venezuela geschrieben, und der will sie schicken. Aber das dauert. Das habe ich den Leuten gesagt."

"Und was haben die geschrien?" – "Sie haben die Amerikaner beschimpft, die seien an allem schuld. Sie haben das doch gehört: Yankee no."

Seit die Anti-Amerika-Welle über Kuba geht, seit Castro amerikanisches Eigentum beschlagnahmt, ohne für angemessene Entschädigung zu sorgen, seit die USA die Zuckerimporte aus Kuba eingestellt haben, seitdem beginnen Ersatzteile für amerikanische Maschinen knapp zu werden auf der Insel – und welche Maschine ist hier nicht amerikanisch. Die Konsumgütergeschäfte leben von der Substanz. Es gibt keinen Nachschub, zumindest nicht vom ehemaligen Hauptlieferanten Amerika.

Strenge Preiskontrollen haben bisher einen Schwarzen Markt verhindert – aber es mehren sich die Meldungen über Verhaftungen wegen Preistreibereien. Eier und Butter sind knapp. Moskaus Öllieferungen verhindern zwar, daß auf Kuba die Autoräder stillstehen – aber Spezialmaschinen erfordern Spezialschmierstoffe, im Falle Kuba amerikanische Schmierstoffe, und hier deutet sich ein gefährlicher Engpaß an.

Die Landreform war in Kuba ebenso notwendig wie in fast allen mittel- und südamerikanischer Staaten. Neun kubanische Familien und wenige US-Firmen kontrollierten fast die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche der Insel. Es gab auf Kuba 200 000 "guajiros", Bauern ohne Land, die ein menschenunwürdiges Leben führten. Es geht ihnen heute etwas besser, die Regierung hat einige tausend sogar aus ihren elenden Palmblätterhütten in hübsche Häuschen umsiedeln können – aber sie sind in Wirklichkeit noch immer "guajiros", landlose Bauern.