Der Streit um Jaspers

Von Thilo Koch

Thilo Koch hat den Philosophen Karl Jaspers in dessen Haus in Basel für das Fernsehen im März dieses Jahres interviewt. Der dabei aufgenommene Film wurde am 10. 8. 1960 im NWRV-Hamburg in der Reihe "Aus erster Hand" gesendet, in der von Zeit zu Zeit "führende Persönlichkeiten unserer Zeit" befragt werden. Zu dem Vorwurf der WELT, Koch hätte sich Jaspers’ Thesen freundlich lächelnd angehört, erwidert dieser: "Es ist nicht Sache eines Interviewers, ein Streitgespräch zu führen; er soll zuhören und versuchen, den Partner zu klarer Stellungnahme zu bringen." Das Kuratorium Unteilbares Deutschland hat Karl Jaspers zur Diskussion nach Berlin eingeladen.

Wie lauten die Einwände gegen Jaspers, wenn wir sie ihres gekränkten Überschwangs entkleiden und den Versuch machen, sie mit wenigen Worten zu skizzieren:

CDU-Sprecher: Jaspers vergißt das Selbstbestimmungsrecht, wenn er die Wiedervereinigung als irreal bezeichnet.

SPD-Sprecher: Es ist eine blutleere Illusion zu glauben, östlich des Eisernen Vorhangs sei Freiheit ohne Wiedervereinigung möglich.

FDP-Sprecher: Berlin ginge verloren, wenn der Anspruch auf Wiedervereinigung aufgegeben würde; ganz Deutschland würde kommunistisch.

BHE-Sprecher: Ein Schlag ins Gesicht jedes vaterländisch empfindenden Deutschen.

Der Streit um Jaspers

Gesamtdeutsches Ministerium: Ohne Einheit keine Freiheit in der Zone.

"Unteilbares Deutschland": Freiheit muß durch Macht gesichert werden.

SED-Stimmen aus der Zone: Atomkriegsphilosoph Jaspers unterstützt bedingungslos die Adenauer-Politik; Wiedervereinigung nur deshalb irreal, weil in der Bundesrepublik Militarismus regiert.

Was hat demgegenüber der Philosoph in diesem Interview tatsächlich gesagt?

Wir Deutschen könnten unsere Vergangenheit gar nicht "bewältigen". Wir müßten für das haften, was durch Hitler geschehen ist. Die Konsequenz sei "eine Revision" vielleicht fast aller geläufigen Auffassungen unserer Geschichte. Zu dieser Revision gehöre die Einsicht, daß der Bismarckstaat unwiderruflich Vergangenheit sei. Die Handlungen, die zur Teilung Deutschlands führten, sind – so meint Jaspers – im Grunde die Schuld des deutschen Staates. Deutschland ist durch den letzten Krieg in der Form, die es vor diesem Krieg hatte, vernichtet worden. Der Anspruch, die nationale Einheit wiederherstellen zu wollen, wurde durch Hitler verwirkt.

Das ist der eine Teil der Gedanken von Jaspers. Der andere Teil betrifft das Schicksal der siebzehn Millionen Deutschen, die nicht nur die nationale Einheit entbehren, sondern auch die bürgerlichen Freiheiten. Ich fragte Professor Jaspers, ob seine Absage an die Wiedervereinigung bedeute, daß wir diese 17 Millionen einfach ihrem Schicksal überlassen sollten. Antwort: "Unmöglich! Wir müssen sie mehr noch als die Ungarn und all die anderen, die uns auch wesentlich sind, so ansehen: das sind wir selber! Es ist ein schuldloses Geschick, daß sie im Osten sind und vergewaltigt werden und wir im Westen durch Gnade der Sieger die Freiheit haben – nicht etwa durch uns." Jaspers fordert dann freie Wahlen für den östlichen Teilstaat und hält einen entmilitarisierten Staat nach dem Beispiel Österreichs für möglich. "Nur die Freiheit – allein darauf kommt es an." Wiedervereinigung sei demgegenüber zweitrangig.

Zum Verständnis der unpopulären Bemerkungen ist es notwendig zu wissen, daß das Philosophieren für Jaspers immer ein Denken vor offenem Horizont ist. Er läßt keine Tabus gelten. Wissen sollte man auch, daß Jaspers für die Kommunisten der "NATO-Philosoph" ist, daß aber andererseits seine große Rede 1958 in der Frankfurter Paulskirche feststellte: "Unsere zwei großen Parteien in der Bundesrepublik haben beide einen politisch unwahrhaftigen Grund." Die SPD gerate, so meinte er, in die Konfusion ihres Denkens durch die faktische Preisgabe des Marxismus, auf den sie sich doch gründe; die CDU nenne sich christlich, obgleich sich eine politische Partei aufs Christentum gar nicht gründen lasse; das bringe in diese Partei etwas "existenziell Verwirrtes". Freiheit gibt es für Jaspers nur durch Wahrheit.

Der Streit um Jaspers

Zum Verständnis seiner Beurteilung der jüngsten deutschen Geschichte gehört ferner einige Einsicht in die Biographie dieses Mannes. Weil er zu seiner jüdischen Frau hielt, verlor er sein Lehramt, mußte er in den besten Lebensjahren seine glanzvolle Karriere als vermutlich beendet betrachten. Er verließ nach dem Kriege Deutschland, weil seine Frau nicht mehr in einem Lande leben konnte, wo sie zwölf Jahre lang fürchten mußte, es werde die Geheime Staatspolizei sein, wenn sie nachts Schritte auf der Treppe hörte.

Zweifellos kann die Jaspers-Meinung bestritten werden. Zweifellos sind unter den Einwänden gegen Jaspers gute Argumente anzutreffen. Aber es ist ahnungslos, ausgerechnet den Autor des Buches über die Atombombe darüber zu belehren – wie es bei uns geschieht – daß es der Macht bedarf, die Freiheit zu schützen; es ist ein dreister dialektischer Trick, wenn die Zone versucht, den Mann, dessen Charakter einem Hitler standhielt, als den "Philosophen neuer deutscher Raubkriegsgedanken" hinzustellen. Und es ist nicht fair, seine Äußerungen so zu verstehen, als wolle er dem deutschen Volk rundweg das Selbstbestimmungsrecht absprechen. Was den letzten Punkt betrifft, so sagte der Bundesminister für Verteidigung, Strauß, in der denkwürdigen Debatte des Bundestages am 20. 3. 1958: "... Ist es denn wirklich die Wiedervereinigung, die uns in erster Linie drängt, quält, bedrückt und treibt? Es ist doch weniger. die Wiedervereinigung im Sinne der Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands. Es ist doch mehr das Herzensanliegen der Wiederherstellung demokratischer und menschenwürdiger Zustände in diesem Gebiet."

Was Strauß damals sagte, trifft, scheint mir, zu. Und in diesem Sinne trifft ebenfalls zu, was Jaspers zwei Jahre später zur gleichen Frage sagte. Die Mehrzahl der siebzehn Millionen Zonenbewohner würde wohl eine Österreich-Lösung für das Gebiet der "DDR" als Befreiung empfinden. Der Anspruch des deutschen Volkes – das sage auch ich einschränkend gegenüber Jaspers – auf Zusammengehörigkeit, das Recht auf politische Einheit der Nation kann von einer jungen Generation neu gefordert und begründet werden, gerade im Hinblick auf künftige europäische Staatenbünde.