Gesamtdeutsches Ministerium: Ohne Einheit keine Freiheit in der Zone.

"Unteilbares Deutschland": Freiheit muß durch Macht gesichert werden.

SED-Stimmen aus der Zone: Atomkriegsphilosoph Jaspers unterstützt bedingungslos die Adenauer-Politik; Wiedervereinigung nur deshalb irreal, weil in der Bundesrepublik Militarismus regiert.

Was hat demgegenüber der Philosoph in diesem Interview tatsächlich gesagt?

Wir Deutschen könnten unsere Vergangenheit gar nicht "bewältigen". Wir müßten für das haften, was durch Hitler geschehen ist. Die Konsequenz sei "eine Revision" vielleicht fast aller geläufigen Auffassungen unserer Geschichte. Zu dieser Revision gehöre die Einsicht, daß der Bismarckstaat unwiderruflich Vergangenheit sei. Die Handlungen, die zur Teilung Deutschlands führten, sind – so meint Jaspers – im Grunde die Schuld des deutschen Staates. Deutschland ist durch den letzten Krieg in der Form, die es vor diesem Krieg hatte, vernichtet worden. Der Anspruch, die nationale Einheit wiederherstellen zu wollen, wurde durch Hitler verwirkt.

Das ist der eine Teil der Gedanken von Jaspers. Der andere Teil betrifft das Schicksal der siebzehn Millionen Deutschen, die nicht nur die nationale Einheit entbehren, sondern auch die bürgerlichen Freiheiten. Ich fragte Professor Jaspers, ob seine Absage an die Wiedervereinigung bedeute, daß wir diese 17 Millionen einfach ihrem Schicksal überlassen sollten. Antwort: "Unmöglich! Wir müssen sie mehr noch als die Ungarn und all die anderen, die uns auch wesentlich sind, so ansehen: das sind wir selber! Es ist ein schuldloses Geschick, daß sie im Osten sind und vergewaltigt werden und wir im Westen durch Gnade der Sieger die Freiheit haben – nicht etwa durch uns." Jaspers fordert dann freie Wahlen für den östlichen Teilstaat und hält einen entmilitarisierten Staat nach dem Beispiel Österreichs für möglich. "Nur die Freiheit – allein darauf kommt es an." Wiedervereinigung sei demgegenüber zweitrangig.

Zum Verständnis der unpopulären Bemerkungen ist es notwendig zu wissen, daß das Philosophieren für Jaspers immer ein Denken vor offenem Horizont ist. Er läßt keine Tabus gelten. Wissen sollte man auch, daß Jaspers für die Kommunisten der "NATO-Philosoph" ist, daß aber andererseits seine große Rede 1958 in der Frankfurter Paulskirche feststellte: "Unsere zwei großen Parteien in der Bundesrepublik haben beide einen politisch unwahrhaftigen Grund." Die SPD gerate, so meinte er, in die Konfusion ihres Denkens durch die faktische Preisgabe des Marxismus, auf den sie sich doch gründe; die CDU nenne sich christlich, obgleich sich eine politische Partei aufs Christentum gar nicht gründen lasse; das bringe in diese Partei etwas "existenziell Verwirrtes". Freiheit gibt es für Jaspers nur durch Wahrheit.