Zum Verständnis seiner Beurteilung der jüngsten deutschen Geschichte gehört ferner einige Einsicht in die Biographie dieses Mannes. Weil er zu seiner jüdischen Frau hielt, verlor er sein Lehramt, mußte er in den besten Lebensjahren seine glanzvolle Karriere als vermutlich beendet betrachten. Er verließ nach dem Kriege Deutschland, weil seine Frau nicht mehr in einem Lande leben konnte, wo sie zwölf Jahre lang fürchten mußte, es werde die Geheime Staatspolizei sein, wenn sie nachts Schritte auf der Treppe hörte.

Zweifellos kann die Jaspers-Meinung bestritten werden. Zweifellos sind unter den Einwänden gegen Jaspers gute Argumente anzutreffen. Aber es ist ahnungslos, ausgerechnet den Autor des Buches über die Atombombe darüber zu belehren – wie es bei uns geschieht – daß es der Macht bedarf, die Freiheit zu schützen; es ist ein dreister dialektischer Trick, wenn die Zone versucht, den Mann, dessen Charakter einem Hitler standhielt, als den "Philosophen neuer deutscher Raubkriegsgedanken" hinzustellen. Und es ist nicht fair, seine Äußerungen so zu verstehen, als wolle er dem deutschen Volk rundweg das Selbstbestimmungsrecht absprechen. Was den letzten Punkt betrifft, so sagte der Bundesminister für Verteidigung, Strauß, in der denkwürdigen Debatte des Bundestages am 20. 3. 1958: "... Ist es denn wirklich die Wiedervereinigung, die uns in erster Linie drängt, quält, bedrückt und treibt? Es ist doch weniger. die Wiedervereinigung im Sinne der Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands. Es ist doch mehr das Herzensanliegen der Wiederherstellung demokratischer und menschenwürdiger Zustände in diesem Gebiet."

Was Strauß damals sagte, trifft, scheint mir, zu. Und in diesem Sinne trifft ebenfalls zu, was Jaspers zwei Jahre später zur gleichen Frage sagte. Die Mehrzahl der siebzehn Millionen Zonenbewohner würde wohl eine Österreich-Lösung für das Gebiet der "DDR" als Befreiung empfinden. Der Anspruch des deutschen Volkes – das sage auch ich einschränkend gegenüber Jaspers – auf Zusammengehörigkeit, das Recht auf politische Einheit der Nation kann von einer jungen Generation neu gefordert und begründet werden, gerade im Hinblick auf künftige europäische Staatenbünde.