Der Orientalistenkongreß in Moskau ging ohne die Chinesen über die Bühne. Eine 500köpfige Delegation aus dem Reich der Mitte war erwartet worden, aber Peking sagte kurzfristig ab. Diese Meldungen werden im Westen als Beweis für ernste Spannungen zwischen Peking und Moskau gewertet.

Diese Spannungen sind – soweit sie ideologischer Natur sind – schon am 22. April bei den Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag Lenins offenbar geworden. Die chinesische Parteiführung hatte die Jubiläumsfeier ausgenutzt, um – durch Heranziehung von insgesamt 51 Lenin-Zitaten in fünf Artikeln – die These zu vertreten, Kriege seien im Zeitalter des Imperialismus unvermeidbar. Die sowjetischen Ideologen hatten die These – ohne jedoch Peking direkt zu erwähnen – als "linkssektiererische Tendenzen" scharf zurückgewiesen. Bei der Zusammenkunft der Führer der Ostblockstaaten in Bukarest am 24. Juni haben alle Parteiführungen, einschließlich der chinesischen, ein Kommuniqué unterzeichnet, in dem sie sich zur Moskauer These von der Vermeidbarkeit der Kriege bekannten. Gleichzeitig wurde allerdings auf die "Notwendigkeit der ständigen Wachsamkeit" hingewiesen, "da, solange der Imperialismus besteht, auch der Boden für Aggressionskriege erhalten bleibt".

Das Bekenntnis von Bukarest hat jedoch die Kontroverse nicht beendet. Am 7. August veröffentlichte die Prawda einen Artikel J. Franzews unter dem Titel "Probleme des Friedens und des Krieges unter den gegenwärtigen Bedingungen". Franzew warf den Dogmatikern und Sektierern vor, durch ihre These von der Unvermeidbarkeit des Krieges "würde der Friedenskampf seine Perspektive verlieren". Diese These würde nur "den Imperialisten dienen und ihnen helfen, die Legenden über die Aggressivität des Kommunismus zu verbreiten". Auch würden solche linkssektiererischen Tendenzen "einen demoralisierenden Einfluß auf die Erbauer der neuen Gesellschaft" ausüben, da sich diese fragen würden, wozu dann der Aufbau dient, "wenn wir von vornherein wissen, daß die Früchte unserer Arbeit durch den Sturm eines Krieges hinweggefegt werden". Unmißverständlich erklärte Franzew schließlich, die linkssektiererischen Ansichten "haben mit dem Kommunismus nichts gemein". Die Ansichten Franzews wurden letztes Wochenende von der Iswestija wiederholt, die den "Linken" sogar "Blasphemie" vorwarf.

Obwohl weder im Juni noch jetzt Peking namentlich genannt wurde, ist die Spitze unverkennbar. Allerdings könnte es auch sein, daß sich die Angriffe nicht nur gegen Peking richten, sondern vielleicht auch gegen manche Kräfte in der Sowjetunion selbst. Dies wäre vor allem deshalb möglich, weil für den 22. Parteitag im Januar 1961 endlich das seit Jahren fällige Parteiprogramm der KPdSU fertiggestellt sein muß. Da ein solches Dokument oft längere Zeit, meist mehrere Monate vorher als Entwurf veröffentlicht wird, könnte die gegenwärtige Kontroverse unter anderem auch auf Unstimmigkeiten bei der Ausarbeitung des sowjetischen Parteiprogramms hindeuten. W. L.