Die üblichen spätsommerlichen Ruhepausen werden auf den Wertpapiermärkten immer wieder unterbrochen, weil der Ton in den Börsensälen im Grunde vom Ausland angegeben wird. Das deutsche Bankenpublikum ist – von Ausnahmen abgesehen – sehr vorsichtig geworden. Nur wer Mut zum Risiko hat, beteiligt sich an der Hausse verschiedener Spezialwerte. Bislang ist diesen Leuten der Erfolg auch nicht versagt geblieben.

Das Ausland fährt zur Zeit auf den deutschen Wertpapiermärkten zweigleisig. Es kauft unbeirrt festverzinsliche Papiere und deutsche Standardaktien, allerdings nur solche der Chemie- und Elektro-Industrie. Angesichts der unausgenutzten Kapazitäten der US-Stahlwerke werden die deutschen Montanaktien von der internationalen Spekulation nicht "angefaßt", obgleich die Verhältnisse in Europa völlig anders liegen als in den USA. Typisch für die "internationale Solidarität der Montan-Aktien" ist es, daß auch die französischen Eisen- und Stahlwerke von der an der Pariser Börse herrschenden freundlichen Tendenz nur am Rande erfaßt worden sind. Unter diesen Umständen verdient die amtliche Börseneinführung in Frankfurt/Main und Düsseldorf der Aktien der Société Anonyme des Forges et Aciéries du Nord et de L’Est, Paris, besondere Aufmerksamkeit. Sie zählen zu den führenden Papieren des französischen Kurszettels. In Börsenkreisen fragt man sich interessiert, ob das deutsche Publikum zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereit ist, sich mit nennenswerten Beträgen an einer Holding-Gesellschaft zu beteiligen, die auf dem Gebiet der Eisen- und Stahlerzeugung tätig ist. Die finanzielle Struktur des Unternehmens ist allerdings ausgezeichnet. Die offenen Rücklagen machen etwa 90 vH des Aktienkapitals aus. Ein Teil der Rücklagen soll in Aktienkapital umgewandelt werden. Der DM-Preis je Aktie errechnet sich zur Zeit auf rund 302 DM.

Den Auslandskauf-Aufträgen haben es die IG-Farben-Nachfolger zu verdanken, wenn sie in dieser Woche ihre bisherigen Höchstkurse überschritten haben. Die Unruhen in Afrika halten die Fluchtgelder in Bewegung. Da die Schweiz sich neuerdings gegen ihre Aufnahme wehrt, wird ein Teil in die Bundesrepublik fließen; sehr zum Leidwesen der Bundesbank, die einen neuen Zustrom von Auslandsgeld gern unterbunden haben möchte.

Das spekulative Element war in den letzten Tagen wieder lebhaft tätig. Davon profitierten vor allem die Berichtigungs-Aktien-Anwärter und Aktien solcher Gesellschaften, die bereits Berichtigungs-Aktien ausgegeben haben. Das Musterbeispiel ist Daimler. Spekulative Verkäufe brachten dem Kurs in der vergangenen Woche einen Gewinn von rund 1000 Punkten. Man ging hierbei von der allgemeinen Überlegung aus, daß Berichtigungs-Aktien-Anwärter nach Abschlag der Berichtigungs-Aktien vom Kurs im Zuge einer dann zu erwartenden größeren Nachfrage sofort beträchtlich steigen würden. Bei den Daimler-Aktien sah die Sache so aus: Am Freitag (12. 8.) wurden die Daimler-Aktien (einschließlich der Berichtigungsaktien) mit 7790 vH gehandelt. Am Montag (15.8.) wurden die Daimler-Aktien erstmals "ex Berichtigungs-Aktien" notiert. Die Nachfrage nach den im Kurs gesenkten Aktien war so lebhaft und das Angebot so minimal, daß kein Handel zustande kam. Man taxierte daraufhin den Daimler-Kurs auf 3800 vH. Das wiederum entsprach einem alten Kurs (einschließlich Berichtigungsaktien) von 9500 vH. Also sind die Daimler-Aktien praktisch an einem Tag um 1710 Punkte gestiegen! Vorher bereits um weitere 1000 Punkte.

Kein Wunder, wenn die Börse auf die Suche nach Papieren ging, bei denen ähnliche, wenn auch bescheidenere Kursgewinne für möglich gehalten werden. Das war aber nur ein Tätigkeitsfeld der Spekulation. Daneben spielt auch noch die sogenannte Branchen-Logik eine kursantreibende Rolle. Sie nahm ihren Anfang bei den Maschinenbauwerten. Nicht ganz zu Unrecht rechnet man damit, daß die Unternehmen der Maschinenbau-Industrie durch die bevorstehenden hohen Investitionen der Wirtschaft sowie durch die wachsende Entwicklungshilfe volle Auftragsbücher bekommen werden. Folglich schließt man auf eine Verbesserung der Ertragslage. Die in Frage kommenden Aktien stiegen kräftig. Sie beeinflußten auch Gesellschaften, die nur wenig Gemeinsames mit der Maschinenbauindustrie haben, z. B. die Werft-Aktien. Die Kurssteigerungen der Aktien der Auto-Werke beeinflußten wiederum jene der Zulieferanten (Accu Hagen, Conti-Gummi). Auf diese Weise kamen schließlich große Teile des Aktienmarktes in Bewegung. Die Gefahr einer solchen Betrachtungsweise besteht darin, daß offensichtlich folgendes übersehen wird: Nicht alle Unternehmen einer Branche liegen gleichmäßig gut im Rennen. Man kann BMW nicht mit Daimler oder NSU vergleichen. Bei Daimler und NSU handelt es sich um gut fundierte Unternehmen mit beträchtlichen Zukunftchancen BMW muß noch erst saniert werden – und was dann geschieht, ist noch völlig offen. Deshalb ist der Ausdruck, daß es sich bei dem BMW-Kursanstieg (plus 100 Punkte) um die "heißeste Spekulation des Jahres" handelt, durchaus am Platze Kurt Wendt