H. M. Hamburg

Für den Kieler Ordinarius und Direktor der Universitäts-Kinderklinik, Professor Werner Catel, sind jüngst die Schatten der Vergangenheit wieder lebendig geworden. Ein Brief aus Amerika erinnerte die Landesregierungen von Hamburg und Schleswig-Holstein an Vorgänge, die Catel längst in den Archiven der Justiz vergessen glaubte: Während des Krieges war er zeitweise an Euthanasie-Verfahren gegen Kinder beteiligt.

Absender des an Bürgermeister Brauer und Ministerpräsident von Hassel adressierten Briefes ist Professor Degkwitz, der lange Zeit Direktor der Hamburger Uni Universitäts-Kinderklinik und nach dem Krieg zeitweilig Leiter der Hamburger Gesundheitsbehörde war, bevor er einen Forschungsauftrag in New York annahm. Degkwitz wies auf die Euthanasie-Fälle im Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort hin, wo Catel damals tätig war.

Wegen dieser Fälle hatte die Hamburger Staatsanwaltschaft nach einer Anzeige von Degkwitz bereits 1949 Anklage gegen Catel und eine Reihe weiterer Ärzte wegen Totschlags und Beihilfe zum Totschlag erhoben. Die Strafkammer I des Landgerichts beschloß jedoch die Einstellung des Verfahrens mit der Begründung, daß die Ärzte nicht im Bewußtsein der Rechtswidrigkeit gehandelt hätten. Es sei erwähnt, daß dieser Kammer auch jener Dr. Enno Budde angehörte, der zehn Jahre später einen Entrüstungssturm hervorrief, als er die Eröffnung eines Hauptverfahrens gegen den antisemitischen Pamphletisten Friedrich Nieland ablehnte.

Der Beschluß der Kammer vom 19. April 1949 erlangte Rechtskraft, so daß das Verfahren damit abgeschlossen war. Als Bürgermeister Brauer nun den Brief aus New York der Staatsanwaltschaft zuleitete, stellte diese fest, daß er keine Handhabe bietet, neue Ermittlungen einzuleiten. Paragraph 211 der Strafprozeßordnung bestimmt nämlich: "Ist die Eröffnung des Hauptverfahrens durch einen nicht mehr anfechtbaren Beschluß abgelehnt, so kann die Klage nur auf Grund neuer Tatsachen oder Beweismittel aufgenommen werden." Neues Beweismaterial aber hatte Prof. Degkwitz nicht geliefert.

Damit ist der Fall rechtlich geklärt und eigentlich erledigt. Die Staatliche Pressestelle in Hamburg und das schleswig-holsteinische Kultusministerium hätten sich dann wohl auch kaum zu Stellungnahmen veranlaßt gesehen, wenn Dr. Catel nicht inzwischen eine Berufung als ordentlicher Professor für Kinderheilkunde an die Universität Kiel und Direktor des Universitäts-Kinderkrankenhauses angenommen hätte.

Mit etwas gemischten Gefühlen stellt sich Schleswig-Holsteins Kultusminister Osterloh vor Professor Catel. Er wird keine Schritte gegen ihn unternehmen. Da der Fall disziplinarrechtlich verjährt ist, gibt es dazu auch kaum Möglichkeiten. Der Minister erklärt: "Beim Abwägen aller Einzelheiten ergibt sich für mich doch die Frage: Ist Catel ein verbrecherischer Mensch? Und da muß ich sagen: Nein."