Roms Anstrengungen für die Olympischen Spiele

Rom, im August

General a. D. Luigi Magliari-Galante sieht in diesen Tagen erschöpfter und stolzer aus, als nach einer gewonnenen Schlacht. Er hat auch allen Grund dazu. Denn er ist der Kommandeur, wollte sagen Regisseur der XVII. Olympischen Spiele, die, an den Vorbereitungen gemessen, das großartigste Schauspiel, das je stattfand, zu werden versprechen. "In vierzig Dienstjahren, in vier Feldzügen, habe ich nicht soviel gearbeitet, wie in diesem letzten Jahr", sagt der General und weist auf sein Programm, das so präzise ist wie eine Generalstabskarte. Was jetzt noch kommt, die Spiele, auf die die ganze Welt erregt wartet, kann ihn nicht mehr aufregen. Sein Schlachtplan steht fest, und wenn der Teufel nicht seine Finger im Spiel hat, dann muß er auf die Sekunde pünktlich ablaufen.

Wirklich auf die Sekunde. Hier das Programm der Eröffnungsfeier: Am 25. August, um 16.30 Uhr, betritt die griechische Fahne, in alphabetischer Reihe von den anderen Fahnen gefolgt, das Stadion. Die italienische Trikolore marschiert am Schluß. In fünfzig Minuten ist der Aufmarsch der 7000 Sportler beendet. Fünf Minuten sind für die Ansprachen vorgesehen. Um 17 Uhr 25 Minuten und 30 Sekunden erklärt der italienische Staatspräsident die XVII. Olympischen Spiele für eröffnet. Der General hat ihm dafür eine halbe Minute zugestanden. Um 17.26 Uhr tragen vier Athleten die olympische Fahne ins Stadion. Gleichzeitig ertönt die olympische Hymne, von erlauchten Gräcisten ins Italienische übersetzt. "Tu die risplendi come pura immagine ..." (Du, die du wie ein reines Bild erstrahlst) beginnt sie. Um 17.34 Uhr erheben sich 6200 Tauben, indessen vom Monte Mario drei Kanonenschüsse donnern. Es folgt der Einzug der olympischen Fackel. Der olympische Eid im Halbkreis der Fahnen (zwei Minuten 20 Sekunden). Die italienische Nationalhymne. Abmarsch. Um 18.35 Uhr ist das Stadion leer. Luigi Magliari-Galante, Regisseur dieses gewaltigen Schauspiels, faltet den Schlachtplan mit der Aufschrift "Eröffnungsfeier" sorgfältig zusammen und sagt: "Ein Jahr Arbeit für zwei Stunden und fünf Minuten."

80 Hymnen auf Tonband

Er hat natürlich nicht nur für die Eröffnungsfeier gearbeitet. Er hat jede Minute der 18 römischen Tage bedacht. Auch der einfallsreichste Schwarzseher kann den General nicht mit der Möglichkeit einer organisatorischen Panne erschrecken. Für den unausdenkbaren Fall, daß die Karabinierikapelle bei einem unerwarteten Sieg nicht gleich die richtigen Noten zur Hand hat? Fehlte doch in Melbourne bei dem Radsieg Baldinis die italienische Nationalhymne, und nur die italienischen Zuschauer retteten pfeifend und singend die Situation. Keine Sorge: die 80 Nationalhymnen der wettkämpfenden Nationen liegen auf Tonband bereit. Auch die Hymne Liechtensteins, das nur durch zwei Radfahrer in Rom vertreten sein wird.

Für das Sportlerheer aus aller Welt – mit Trainern und technischem Personal sind es 8000 Menschen – hört das römische Abenteuer auf, sobald es Rom betreten hat. Denn von der Ankunft an ist jeder Schritt der Gäste behütet. Am Flugplatz bereits empfängt jeder Athlet seinen Ausweis, mit Personaldaten und Photo versehen, der ihm als Paß, als Lebensversicherung (von einer Million Lire – etwa 6700 Mark), als Freifahrkarte auf städtischen Verkehrsmitteln, als Eintrittskarte in die Museen, als "Sesam öffne dich" und Schutz in allen Lebenslagen dient.