S. D., Paris, im August

Mit geradezu britischer Distinguiertheit wird in Frankreich das deutsch-englische Gespräch über de Gaulles Europa-Pläne behandelt. Der Grund für diese allgemeine und wohlmeinende Zurückhaltung liegt zweifellos in der Erkenntnis, daß de Gaulles Europa-Pläne nicht von heute auf morgen in die Tat umgesetzt werden können. "Es gehört nicht viel dazu, vorherzusagen, daß noch viel Zeit vergehen wird, bis das neue Europa, das im Elysee-Palast konzipiert wurde, um die augenblickliche amerikanische Schwäche aufzufangen, ans Tageslicht kommt", schreibt Le Monde.

Man bleibt zuversichtlich in Paris; aber man ist realistisch genug, um allzu großen Optimismus zu dämpfen. "Die Wiederverständigung London – Bonn" wird durchaus als gutes Zeichen gewertet. Es ist in Paris begrüßt worden, daß Macmillan in Bonn zugab, Moskaus gutem Willen zu sehr vertraut zu haben und daß er versprach, in Zukunft "härter" zu werden. Der Druck aus dem Osten habe bisher immer die westliche Solidarität gefördert, so meint man in Paris. Die Bestimmtheit, mit der Macmillan und Adenauer die Notwendigkeit der amerikanischen Führungsrolle im Lager des Westens unterstrichen hätten, mache allerdings deutlich, daß die Akzente in Bonn und in Paris verschieden seien, meint der Bonner Korrespondent von Le Monde, Alain Clément.

Eine spürbare Verbesserung der britisch-deutschen Beziehungen müsse "in der Tat keine Verschlechterung der französisch-britischen oder der französisch-deutschen Beziehungen bedeuten", schreibt das gleiche Blatt und faßt damit zusammen, was man in Frankreich über den Besuch Macmillans in Bonn denkt. Hier wird jenes Ziel sichtbar, auf das auch de Gaulle seine Hoffnung setzt: Auf dem Umweg über Bonn England zum europäischen Partner zu gewinnen.