Kürzlich wurde im Bois de Boulogne, dem größten Park von Paris, ein Mann verhaftet. Grund: "Unmoralisches Verhalten" mit einer Frau (nicht seiner eigenen) in einem winzigen Renault. Der Mann erklärte, sich für nicht schuldig im Sinne der Anklage, da es rein physisch unmöglich sei, sich in einem Renault 4 CV unmoralisch aufzuführen. Der Richter – er besaß einen größeren Wagen – zog einige Experten zu Rate, und diese kamen nach einigen Wochen zu folgendem Gutachten: Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Der Mann wurde schuldig gesprochen.

Der Prozeß erregte in Frankreich großes Aufsehen, freilich nicht deshalb, weil es dabei um unmoralisches Verhalten ging (den Franzosen fällt es schwer, sich darunter etwas vorzustellen), auch nicht, weil die Frau eines anderen im Spiel war. Wachgerufen wurde das Interesse allein dadurch, daß in dem Prozeß ein Auto eine entscheidende Rolle spielte.

Der Durchschnittsfranzose liebt sein Auto, und der einzige Grund, warum er sich darin nicht unmoralisch verhält, ist die Angst, sein Wagen könnte dabei zu Schaden kommen. Es gibt vermutlich nichts, was dem Franzosen mehr am Herzen liegt, als sein Auto. Seine Frau nimmt er als Selbstverständlichkeit hin, aber auf den Wagen verschwendet er seine ganze Liebe und Zuneigung. Ihm gilt seine Verehrung, wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, es durch den Verkehr zu manövrieren.

Wenn jemand die Stoßstange auch nur leicht antippt, stürzt der Franzose zornbebend aus dem Wagen und hält ein halbstündiges leidenschaftliches Plädoyer über das Verbrechen, das an seinem teuersten Besitz verübt wurde. Wenn dagegen jemand seine Frau in einem Warenhaus über den Haufen rennt, zuckt er die Achseln und wird sich vielleicht sogar dafür entschuldigen, daß seine Frau im Weg stand.

Wenn ein Franzose die Wahl zwischen einem Auto und einer Frau hat, so wird er. – das kann man mit .Sicherheit voraussagen – da; Auto wählen. Schließlich hat er ja nur ein Auto, aber für gewöhnlich Zugang zu vielen Frauen.

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Im Gegensatz zu den Amerikanern betrachten die Franzosen das Auto nicht als soziales Symbol. In Frankreich unterscheidet man einfach Leute, die ein Auto haben und solche, die keines haben. Wer einen kleinen Simca, Peugeot oder Renault fährt, hat deshalb keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber jemandem, der einen großen, Critoen, einen Versailles oder einen Mercedes fährt. Wenn es überhaupt einen Unterschied gibt, dann den, daß die Besitzer von kleineren Autos aggressiver sind und – wie viele von kleiner Statur – sich in ihrer Winzigkeit besonders sicher fühlen.