Von Sigmund Chabrowski

In Bonn und Moskau bereitet man sich zur Zeit intensiv auf die neuen deutschsowjetischen Handelsvertragsverhandlungen vor; sie sollen schon in wenigen Wochen in Bonn beginnen. Denn Ende des Jahres läuft das am 25. April 1958 unterzeichnete Dreijahresabkommen über den Waren- und Zahlungsverkehr aus, und einen vertragslosen Zustand möchte man wohl beiderseits vermeiden

Diesmal können die Unterhändler aus Bonn und Moskau auf konkrete Erfahrungen zurückgreifen. Das ist gewiß ein Vorteil, aber leider werden die mit dem ersten Abkommen dieser Art gemachten Erfahrungen in Bonn und Moskau höchst unterschiedlich gewertet.

Gegenüber den vertragslosen Jahren 1955 bis 1957 hat sich nach sowjetischer Version der deutsch-sowjetische Handel ungefähr auf das 2,4-fache erhöht. Das hat erst kürzlich der stellvertretende Ministerpräsident der UdSSR, A. J. Mikojan, in einem deutschen Zeitungsartikel mit unverhohlenem Stolz und größter Befriedigung kundgetan. Wurden 1955 bis 1957 zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik Waren im Wert von 1,2 Milliarden DM umgesetzt, so schreibt Mikoian, erhöhte sich das Austauschvolumen in den Jahren der Wirkungsdauer des langfristigen Abkommens (1958 bis 1960) auf rund 3 Mrd. DM. Es sollte nicht überraschen, wenn die Sowjets bei den Bonner Verhandlungen diese Rechnung präsentieren und sie für eine beträchtliche Erhöhung des vertraglichen Austauschvolumens ins Feld führen werden. Schon ist von sowjetischen Wünschen zu hören, das Vertragsvolumen für die nächsten 3 Jahre zu vervierfachen.

Nach der deutschen Statistik nach Einkaufs- und Käuferländern, die also lediglich den Direkt-, nicht aber den Transitverkehr über Drittländer erfaßt, belief sich die deutsche Einfuhr in dem Zeitraum von Januar 1958 bis Mai 1960 auf 829,6 Mill. DM, die entsprechende Ausfuhr auf 860,5 Mill. DM. Insgesamt errechnet sich also nur ein Austauschvolumen (in beiden Richtungen) von 1,69 Mrd. DM – nicht aber ein solches von 3 Mrd. DM. Etwas günstiger sieht freilich das Bild aus, wenn man den Handel über Drittländer berücksichtigt, der von den Sowjets nach wie vor sehr gepflegt wird. Dann ergibt sich in dem Berichtszeitraum für die Bundesrepublik eine Einfuhr sowjetischer Waren von 1,04 Mrd. DM und eine deutsche Ausfuhr von 922 Mill. DM. Das gesamte Austauschvolumen erhöht sich also auf annähernd 2 Mrd. DM. Aber selbst dann bleibt man von dem Vertragsziel, das sich jedoch auf Direktlieferungen und -bezüge bezieht, noch ziemlich weit entfernt.

Welchen Sinn es haben kann, die Wertkontingente für den nächsten Vertragszeitraum zu vervierfachen, bleibt angesichts dieser Entwicklung einigermaßen unerfindlich. Dabei bestünde durchaus eine Chance, den deutsch-sowjetischen Handel nennenswert aufzustocken, dann nämlich, wenn die Sowjets von ihrem strengen Bilaterismus abgingen. Aber daran ist nicht zu denken.

Von Barzahlungen wollen die Russen nichts wissen. Darauf von den Österreichern angesprochen, drehte Chruschtschow vor der österreichischen Bundeshandelskammer seine leeren Rocktaschen um und gab damit zu verstehen, daß er weder über harte Dollar noch Pfunde verfüge. Also soll es weiterhin bei dem primitiven Waregegen-Ware-Tausch bleiben. An eine Abdeckung eventueller deutscher Aktivsalden mit harter Währung oder etwa mit Gold ist nicht zu denken.