Von Martin Beheim-Schwarzbach

Eine Elegie von hohen polemischen Graden, eine Polemik von hoher elegischer Kraft, das ist dieses Tagebuch aus Hiroshima und Nagasaki –

Günther Anders: "Der Mann auf der Brücke", ein Tagebuch; Verlag C. H. Beck, München; 244 S., 9,80 DM.

Der Verfasser, der an einer Tagung in Hiroshima teilnimmt, einer internationalen Zusammenkunft, deren Gegenstand sogleich unmißverständlich durch den schrecklichen, den schicksalsgeladenen Namen des Tagungsortes gekennzeichnet ist, schreibt seine Erlebnisse, Begegnungen, Gedanken in Tagebuchform nieder. Und dieses Tagebuch ist eine unheimliche Lektüre, so unheimlich wie ihr Thema, das der Verfasser mit Genauigkeit in seiner ganzen Tiefe enthüllt. Nicht, daß er sich in Schilderungen der Todesarten, Verstümmelungen, Körperqualen erginge, die die Atombombe von 1945 über die unselige Stadt brachte. Kein Wort davon oder kaum eins. Dergleichen ist genug geschildert worden.

Dieser Pamphletist allerhöchsten Ranges führt die Sonde viel tiefer, er legt alle Fibern des Ereignisses, die zu ihm geführt haben und von ihm weiterführen werden, bloß. Es ist viel, unendlich viel schon geschrieben, gepredigt, gewarnt und orakelt worden wider die Atomversuche, so viel und so sehr, daß die Warner und Protestierer längst nicht mehr den Rang des Neukonformismus für sich in Anspruch nehmen können; es ist ebensoviel Pathos wie statistisches Material darauf verwandt worden. Aber noch nie hat in dieser Sache einer seine Stimme mit so eisiger Schärfe, so genauer Denkkraft und so minuziöser Sprachgewalt, auch nicht mit so vernichtender Ironie erhoben. Das Buch wiegt sämtliche Protestaufrufe und Massenunterschriften auf, sein Studium müßte genügen, dem Kampfe, den es führt, zum Sieg zu verhelfen. Eigentlich’.Von dem Einwand, der in diesem "eigentlich" enthalten ist, etwas später.

Zwei Textproben mögen die Reichweite andeuten, die dieses Buch gewinnt.

"Gelingt es einem aber, keinen Augenblick zu vergessen, wo man ist, dann geschieht das Sonderbare, daß einem dieser Boden zu geweihtem Boden wird. Warum das so ist, ist schwer zu beantworten. Denn warum sollten Menschen dadurch, daß an ihnen das äußerste Verbrechen begangen worden ist, sakral werden, mindestens der Boden, in dem sie liegen. Aber die Stellen, auf denen Konzentrationslager standen, haben ja eine ähnliche Verwandlung durchgemacht. Erklärungsversuch, aber wohl ein unzulänglicher: Vielleicht ist die Untat so maßlos, daß sie nur noch mit religiösen, wenn auch negativ-religiösen Kategorien bewältigt werden kann, also als luziferisches Ereignis ... Jedenfalls ist nie zuvor die Nachbarschaft des Grauenhaften und des Heiligen so offenbar gewesen wie hier."