Das ist das Ungewöhnlichste an diesem Land: daß seine Ost- und Westprovinz 1500 Kilometer voneinander getrennt sind. Und es ist in erster Linie der gemeinsame Glaube, der den Moslemstaat zusammenhält, dessen Geburt – am 14. August 1947 wurde Pakistan unabhängig – von blutigen Auseinandersetzungen mit dem indischen Nachbarn begleitet war. Verfolgte Andersgläubige flohen nach beiden Seiten über die Grenzen. Zehn Millionen Flüchtlinge sind die soziale Bürde, die dem 90-Millionen-Volk aus diesen Tagen verblieben ist.

Erst der Druck der gemeinsamen Gefährdung aus dem Norden führte die feindlichen Brüder zusammen und überbrückte die aus dem Kaschmir-Streit verbliebenen Spannungen. Ayub Khan, Pakistans starker Staatspräsident, fuhr nach Neu Delhi und vereinbarte mit Nehru eine gemeinsame Abwehrfront gegen den chinesischen Nachbarn. Anders als Indien hatte Pakistan von Anfang an auf den Westen gesetzt und sich dessen militärischem Bündnissystem eingeordnet.

Aber der Westen hatte nicht immer seine Freude an dem Bündnispartner. Wie in anderen jungen Staaten Asiens und Afrikas gelang es der politischen Führungsschicht nicht sogleich, eine Demokratie nach westlichem Muster aufzubauen. Und wie in anderen jungen Staaten dieser Region übernahm schließlich im Herbst 1958 die Armee die Regierungsgewalt. Seitdem regiert General Ayub Khan das Land so ziemlich unangefochten nach seinem Geschmack – erst unter jubelnder Zustimmung seiner Landsleute, heute allerdings einer schüchternen Kritik oppositioneller Kreise ausgesetzt.

Sein großes Experiment ist die Einführung einer auf die ländliche Bevölkerung – 85 vH leben in den Dörfern – zugeschnittenen demokratischen Regierungsform. Sie besteht aus einer fünfstufigen Pyramide von Gemeinde-, Kreis-, Bezirks- und Distriktsräten, deren Spitze dann das Parlament ist. "Basis-Demokratie" nennt Ayub Khan diese Konstruktion, da die Basis der 80 000 Gemeinderäte von der Dorfbevölkerung direkt gewählt wird. Die übrigen Räte rekrutieren sich jeweils aus den darunterliegenden Stufen der Pyramide. Regierungsbeamte und von der Regierung bestimmte Vertreter sind jeweils zugeteilt.

Das andere große Experiment ist der gerade angelaufene zweite Fünf jahresplan. 1965 soll danach das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Kopf doppelt so hoch sein wie 1955. 237 Rupien betrug es damals, nach dem offiziellen Wechselkurs knapp 210 DM. 16,8 Milliarden DM will die Regierung für diesen Plan ausgeben, wobei sie auf ausländische Hilfe hofft, vor allem auch aus der Bundesrepublik. Ein Investitionsschutzvertrag soll den ausländischen Kapitalgebern die Furcht vor einer Nationalisierung nehmen.

Noch immer ist das Land ein Agrarstaat, dessen Landwirtschaft die meisten Exportgüter liefert, Jute und Baumwolle vor allem. Doch langsam macht die Industrialisierung Fortschritte. Mit Stolz verzeichnete die Regierung kürzlich, daß Pakistan jetzt der größte Exporteur von Baumwollgarnen in der Welt ist. Aber auch Jutewaren, Chemikalien und Schmiedeerzeugnisse stehen auf der Ausfuhrliste, sogar Sportgeräte.

Wie Brasilien hat Pakistan kürzlich seine Hauptstadt in das Innere des Landes verlegt. Von Karatschi zogen viele Verwaltungsstellen und Diplomaten schon jetzt in das in günstigerem Klima gelegene Bergstädtchen Rawalpindi, in dessen Nähe die neue Hauptstadt Islamabad entsteht. H. M.

Aufn.: Popper (2), Pak, Bot. – Zeichn.: Bielert