Es ist eine Don-Giovanni-Welle über Europa hereingebrochen. In Aix, in Hamburg, in München wurde diese zwischen Heiterkeit und Dämonie strahlende Oper Mozarts neueinstudiert, aber natürlich wurde die festliche Inszenierung in Salzburg besonders beachtet und bejubelt. Das war recht insoweit, als die Regie Oscar Fritz Schuhs das eine bot und das andere nicht vergaß: Naturburschentum für den Verführer, aber stilisiert; Teufelswerk, aber auch Naivität. Recht auch insoweit, als das Bühnenbild von Teo Otto eine irrlichternde Welt bot, irrlichternd zwischen Dunkelgold und grellem Glanz. Aber auch die Dirigierkunst Herbert von Karajans ist überschwenglich gelobt worden. Und bei diesem Punkte lohnt es sich schon deshalb zu verweilen, weil die Salzburger Don-Giovanni-Aufführung am vorigen Sonntag vom Nordwestdeutschen Rundfunk übertragen wurde.

Wenn Karajan in Salzburg ist (so hört man dort), dann rast er frühmorgens in einem Sportwagen zu einem See, besteigt ein Rennboot und rast auf dem See, saust im Auto zum Flugplatz und zieht in einer Sportmaschine rasende Kurven; danach fährt er zur Probe.

Nun, man könnte sagen, daß diese Art, sich auf künstlerische Leistungen vorzubereiten, einzig und allein seine private Sache sei, die uns andere nicht das geringste angeht. Aber da ist der Don Giovanni und da ist das Champagner-Lied. Der Sänger tritt an die Rampe, stützt den Fuß auf und rast los. Was Karajan von seinen Motoren verlangt, erheischt er jetzt von einer menschlichen Kehle und vergißt, daß Geschwindigkeit für einen Dirigenten keine Hexerei ist, wohl aber für einen Sänger. Dieser schafft’s denn nur knapp, ehe er atemlos, mit keuchenden Lungen zurücktritt. Dabei hat schon Karl Spitteler am gleichen Champagnerlied nachgewiesen, daß Geschwindigkeit, wenn sie wie leeres Räderwerk abrollt und nicht die kleinste relativierende Atempause hat, ein Nonsens ist. Die Töne, die Worte rennen dahin ins Nichts.

Nun könnte dies ein Versehen des Dirigenten sein, ein verzeihliches, etwa nach dem Motto: "Das Champagner-Lied – na wenn schon!" Aber die ganze Oper ist auf solche "Rasanz" angelegt, die ganze!

Selbstverständlich ist Karajan ein Dirigent, den nicht leicht jemand in der Beherrschung des Orchesters, in der gleichsam "unliterarischen" Direktheit der Interpretation übertrifft – ein Taktstockvirtuose, und das muß nichts Schlechtes sein, im Gegenteil! Aber weiß er nicht oder will er nicht wissen, daß sich – und zumal bei Mozart tritt dies ins Licht – das Tempo eines Satzes, einer Arie, eines Ensembles ganz leicht an jenen Takten bestimmen läßt, in denen die Läufe behende, aber deutlich, wie mit dem Silberstift gezeichnet, wahrnehmbar bleiben müssen: an den Höhepunkten. Aber Karajan legt alles auf den "großen Wurf" an: er will von Anfang an den "dramatischen Zug". Kommt dann die Steigerung, die Verästelung, das Rankenwerk der geschwinden Läufe, so "schmieren" sogar die Wiener Philharmoniker und die beste Mozart-Sängerin der Welt, Elisabeth Schwarzkopf, ist in ständiger Gefahr, daß ihr die Luft wegbleibt.

Nur dies zum Thema "Salzburg, Karajan und Mozart". Und dies nur deshalb, weil diese Aufführung als das Muster einer modernen Don-Giovanni-Aufführung gepriesen wurde. In Salzburg ging es gerade noch leidlich gut. Macht aber dieses Beispiel Schule, so wird man in den Opernhäusern der Welt bald Männer engagieren müssen, welche die nicht getroffenen und heruntergefallenen Töne der Nouvelle Vague Don Giovanni mit dem Mozart-Besen zusammenkehren. Wo doch heute Arbeitspersonal so schwer zu kriegen ist....

J. M.