Von Erwin Topf

Wie gleich nach dem Kriege, von den westlichen Besatzungsmächten dem Prinzip nach begünstigt und faktisch doch vielfach gehemmt, die deutsche Gewerkschaftsbewegung in neuen organisatorischen Formen wiedererstanden ist, und wie sie dann während einer relativ kurzen Zeit, in ständiger Opposition zu den Faktoren der politischen Macht, die imponierende Zahl von fünf Millionen Mitgliedern erreichen konnte – darüber fehlte es bisher an einer gründlichen und mit dokumentarischem Material belegten Darstellung. Deshalb ist, freilich mit einigen Vorbehalten, eine Neuerscheinung zu begrüßen –

Theo Pirker: "Die blinde Macht" (Die Gewerkschaftsbewegung in Westdeutschland; erster Teil: 1945–1952: Vom ‚Ende des Kapitalismus‘ bis zur Zähmung der Gewerkschaften); Mercator Verlag, München; 320 S., 14,80 DM.

Der wesentliche Einwand, der gegen Pirker erhoben werden muß, geht dahin, daß er bei seiner ganz und gar kritischen Darstellung des historischen Ablaufs niemals recht klarstellt, wo eigentlich sein eigener Standpunkt ist. Zwar ist – gleich in der Einleitung – sehr viel (und wahrhaftig zu viel) die Rede von seiner Position als "Intellektueller"; wobei er nicht ohne Selbstgefälligkeit feststellt, daß er zu jenen Intellektuellen der deutschen Gewerkschaftsbewegung gehöre, die sie "als unverdaulich ausgespuckt hat".

Andererseits aber ist Pirker, wenn er auch gelegentlich das Vokabular der Ideologie des Klassenkampfes verwendet, gewiß kein typischer Links-Intellektueller von der Art jener Leute, deren Sympathien insgeheim oder offen dem Sowjetsystem gehören. Wahrscheinlich war – und ist – er im Kern seines Wesens ein Romantiker der "Revolutionsidee": alles Revolutionäre erscheint für ihn in einem magischen Glanz, zieht ihn geradezu unwiderstehlich an ... bis dann, als Ergebnis einer immerhin bemerkenswerten Verstandesschulung, die Reaktion bei ihm einsetzt mit der Erkenntnis, daß es im Verlaufe dieser Nachkriegsjahre trotz aller radikalen Parolen der Gewerkschaftsführung überhaupt niemals so etwas wie eine "revolutionäre Ausgangsposition" gegeben habe, die zur Durchsetzung irgendwelcher nicht recht klar faßbarer "sozialistischer" Ziele geeignet gewesen wäre ...

Dieser innere Zwiespalt des Autors, sein Schwanken zwischen romantischen Revolutions-Sentimentalitäten und nüchterner Analyse der politischen Sachverhalte, ist dem Buch nicht so ganz bekommen. Das beginnt schon mit der Wahl des Titels: Eigentlich waren ja weder die unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes vereinigten fünfzehn selbständigen Industriegewerkschaften im Verlaufe der Jahre nach dem Kriege jemals eine "Macht", noch war es die – relativ schwache – Spitze, der DGB selber. Also ist es auch abwegig, der gewerkschaftlichen Organisation besserwisserisch den Tadel anhängen zu wollen, daß sie – oder ihre Führung – "blind" gewesen sei für die politischen Möglichkeiten der Situation und daß sie irgendwelche reale Chancen verpaßt oder "verschenkt" habe, die Entwicklung in ihrem Sinne zu lenken: wie etwa durch Erzwingung eines umfassenden Mitbestimmungsrechtes in den Betrieben und zugleich auf überbetrieblicher Grundlage (nämlich in paritätisch zusammengesetzten regionalen "Wirtschaftsräten").

Wenn in diesem Buche immer wieder, mit Bezug auf die Gewerkschaften, das Wort von der "Politik der verpaßten Gelegenheiten" anklingt, so ergibt sich damit (so paradox es auch klingen mag) eine Parallele zu der Kritik, die vor gut fünfzig Jahren von den "Alldeutschen" mit eben diesem Schlagwort ständig an der auswärtigen Politik des Kaiserreichs geübt worden ist.