K-a, Frankfurt

Er stand vor dem Lokal und ließ sich den Nieselregen in sein pechschwarzes Haar tropfen. Sein feuerroter Pullover – pura lana – leuchtete wie eine Provokation in den grauen deutschen Himmel und das Grau der trostlosen Straße in einer Hanauer Industriegegend. Sein Gesicht drückte Mißmut aus. Nichts los in Deutschland am Wochenende. Und kalt. Angela, Pietro, Marcello oder wie er heißen mochte, der italienische Fremdarbeiter, langweilte sich grenzenlos.

Früher hatte er sich nach des Tages Arbeit mit seinen Kameraden – sie arbeiten bei großen Hanauer Industriefirmen, in Scharen beim Wirt "Zum Spessarteck" getroffen und dort, so gut es ging, die Zeit vertrieben. Besonders gut scheint das nicht gegangen zu sein, denn eines Tages hatte der Wirt ein Schild aus dem Fenster gehängt, das den Italienern unmißverständlich in ihrer Landessprache verkündete, sie hätten hier nichts mehr zu suchen – "Proibizoive per Italianos". Dann hatte es Krawall gegeben, etwa hundert Italiener hatten sich drohend vor der Tür versammelt, und nun ist das Schild wieder weg, denn auch die staatlichen Behörden hielten es für unangebracht. Aber die Söhne des Südens langweilen sich nun lieber anderswo.

Ausgerechnet in Hanau und Höchst, den beiden großen Industriezentren des Frankfurter Arbeitsamtsbereiches, die im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl am meisten italienische Fremdarbeiter anwerben, müssen die fleißigen Söhne des Südens erleben, daß sie nach Feierabend nicht mehr so umworben sind. Auch in Höchst nämlich, auf dem schwimmenden Tanzpalast des Hotelschiffes "Peter Schlott" an der Höchster Mainpromenade, hatte bislang ein solch abweisendes Schild gehangen. Mit dem Hanauer zugleich war es in der letzten Woche verschwunden. Die Ablehnung der italienischen Gäste freilich blieb.

Grund für das Lokalverbot in Höchst: Der 21jährige Pietro Allergo hatte kein Glück bei Mädchen – eine nach der anderen gab dem etwas ungelenk auftretenden Kavalier einen Korb und verwies auf ihren "festen Freund". So ließ er seinen Ärger an der Theke aus. Das naheliegende Objekt seiner Zielübungen waren leere Bierflaschen; die naheliegende Reaktion des Wirtes, ihn mitsamt seinen Landsleuten aus dem Lokal zu schaffen. Der heißblütige Südländer zog das Messer. Als die Polizei den Schaden besah, war es für eine Verständigung zu spät.

Von Messern weiß der Hanauer Wirt freilich nichts zu berichten, Und was die Mädchen angeht – nun die Italiener tanzen eben gern und beehren dabei auch die Ehefrauen anderer Gäste bisweilen mit einer Verbeugung. Manchmal hätten sich die versetzten Ehemänner beschwert und einmal seien auch Bierdeckel geflogen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund für den Lokalverweis. Den Wirt, einem gebürtigen Araber, der sein Geld in USA machte und dies nun seit einem Jahr auch in Hanau recht erfolgreich versucht, sind die Italiener einfach zu sparsam. "Sie bestellen eine Limonade mit drei Gläsern und holen die Wermuthflasche aus dem Anzug", erzählt der Geschäftsmann. "Manchmal trinken sie gar nichts. Und dam wollen sie noch Benzin für ihr Feuerzeug."

Nach der Polizeistunde wollten sie nicht gehen, und einmal habe sogar der Streifenwagen kommen müssen. Dabei sei dann auch eine Scheibe entzweigegangen und sein Verdienst sei gleich Null gewesen. Er sei der größte Abnehmer der Hanauer Brauerei und sein Lokal koste allein achthundert Mark Pacht. "Nur gucken" ohne zu trinken – das gebe es bei ihm nicht. Als das den italienischen Gästen dann eines Tages – offensichtlich zu deutlich – klargemacht wurde, regte sich deren hitziges Temperament. Die Polizei mußte schlichten. Ein Polizist, so erzählte der Wirt, habe ihm selbst geraten, das Schild rauszuhängen.