Von Arno Schmidt

Ich selbst hab’ ja nichts erlebt – was mir übrigens gar nichts ausmacht; ich bin nicht Narrs genug, einen Weltreisenden zu beneiden, dazu hab’ ich zuviel im Seydlitz gelesen oder im Großen Brehm. Und was heißt schon New York? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover, ich kenn’s, wenn morgens tausend Henkelmänner mit ihren Kännchen aus dem Hauptbahnhof geschwindschreiten, in Fächerformation, hinein ins vergoldete Zeitalter. Einer hat’n Gang, als käm ’n Dackel hinter ihm her. Backsteinfarbene Geschöpfe mischen sich ein, Schirmpfeile in den blutigen Händen (oder auch in totschwarzen; gleich werden ihre Schreibmaschinen hell wie Wachtelschlag erklingen. Alle die Weckergeweckten. Schon räuspert sich das Auto neben mir strafend; dabei bin ich doch wirklich, schon rein äußerlich, nicht mehr in dem Alter, daß man mich in Verdacht haben könnte, der Anblick, zweier Milchdrüsen vermöchte mich noch zum Trottel zu machen!).

Also das alles nicht. Aber abends und nachts spazieren geh’ ich ganz gern – man beachte das dreifach-gaumige „g“, mir ist es eben auch unangenehm aufgefallen („warum“ will ich aber nicht wissen; ich halte nichts mehr von „psychologischen Befunden“, seitdem ich mich einmal unter der Hand nach der Bedeutung solcher meiner nächtlichen Gänge erkundigt habe. Ein Gutachten sagte klipp und klar, ich sei hyänenhaft-feige und eine potentielle Verbrechernatur; das sind die meisten von uns, sicher. Das andere behauptete, ich wäre ein Mutphänomen – ach, du lieber Gott! Es wurde mir jedenfalls sehr rasch zu viel, auch zu teuer. Ich hab’ dann selbst längere Zeit darüber nachgedacht; der eigentliche Grund dürfte sein, daß ich so schlecht sehe und es mir am Tage zu hell und zu heiß ist.)

Jedenfalls gehe ich immer erst eine rundliche Stunde – ich hätte gebräuchlicher „runde“ schreiben sollen, ich weiß; aber das hätte sich dann auf „Stunde“ gereimt, und ich mag Gedichte nicht – da sieht man allerlei und braucht sich nicht als voyeur vorzukommen, also „schuldig“ oder gar „sündig“: den meisten von uns vergeht das Leben damit, die in der Jugend verkehrt eingestellten Maßstäbe mühsam wieder zu adjustieren.

Die Jahreszeit spielt dabei keine Rolle – ich kann durchaus einen winterlichen Neubau würdigen, früh um fünf; und die Handwerker tauen die eingefrorene Pumpe des schon fertigen Nachbars mit lodernden Tapetenresten auf. Es darf ein Sommermeteor sein, der gegen Mitternacht seinen Nylonfaden durch die Giraffe zieht und über der DDR zerspringt; (ich wohn’ so dicht am Zonengrenzübergang und erkenne also vorsichtshalber die DDR an). Es darf ein Spätherbstabend sein, wo man stehenbleibt und horcht: was war das Geräusch eben? Eine nahe Grille oder ein meilenferner Traktor? (Zum Frühling fällt mir im Augenblick nichts ein, und ich bin nicht Pedant genug, mich deswegen irgendwie zu forcieren; der Herbst ist mir jedenfalls die liebste unter den Jahreszeiten).

Anschließend gehe ich dann grundsätzlich noch in die Fernfahrerkneipe; und das kann eventuell lange dauern, denn da sitzen ja dann lauter Leute, die „etwas erlebt“ haben, beziehungsweise alle noch mitten im Erleben drin sind, und zwar heftig.

Allein, die ganze Atmosphäre dort: das hochoptische Gemisch aus nacktem Kunstlicht und kurz und klein gehackten Schatten. Die fleckigen Tischplatten (Decken haben davon nur die zwei, links vom Eingang, wo die überwachten Vornehmen sitzen, in dünnen Fingerspiralen Eisglaskelche, auf denen Schlipsschleifen aus Zitronenschalen schwimmen: ER mit jener für öffentliche Ämter so unschätzbaren würdevollen Fadheit und leeren Ernsthaftigkeit, dabei so doof, daß er nicht mal in der Hölle Eiskrem verkaufen könnte, wenn er selbständig sein müßte!; SIE von der Sorte, die auf Camping-Plätzen gleich Blümchen vors Zelt pflanzt und einen Tannenzapfen daneben legt).