Nun schön, Artikel über das Obszöne in Literatur und bildender Kunst – warum eigentlich nicht? Aber dann doch nur solche Artikel, in denen gegen das Obszöne Stellung genommen wird, eindeutig und voller moralischer Entrüstung – nicht etwa Artikel, in denen das Verabscheuungswürdige verharmlost, wohl gar gutgeheißen wird. Das hieße doch wohl, so mag sich so mancher besorgte Leser sagen, die geistige und sittliche Anarchie begünstigen, wenn Artikel, die so etwas nicht verdammen, selbst von einer Zeitung wie der Zeit gedruckt werden, die doch zu den Hütern der Tradition des Gesunden und Lebendigen gehören will und sich bemüht, auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, wenn irgend möglich, das Maßstäbliche herauszufinden und verständlich zu machen.

Bedeutet es nicht schon, so wird sich der eine oder andere auch fragen, ein unsinniges Spiel, ja eine Verwirrung der Begriffe, wenn das Obszöne nicht mehr als durchaus verdammenswert hingestellt wird. Ist das Obszöne denn nicht definierbar als die unsagbare Seite des Erotischen? Was geht hier eigentlich vor sich? Wir sind doch nicht in einer Jahrmarktbude, wo das Offensichtliche mit billiger Routine eskamotiert wird und schließlich Schwarz nicht mehr Schwarz ist?

Sicherlich, das Obszöne steht auf den Verbotstafeln unseres gesellschaftlichen Lebens, und es soll hier nicht etwa ein Amoklauf gegen Tabus angetreten werden. Aber zur Tradition gehört auch, wenn sie lebendig erhalten werden, wenn sie nicht in einen entseelten und stupiden Schematismus versanden soll, von Zeit zu Zeit eine Überprüfung, was an ihr, an ihren Normen und Wertungen noch lebensfähig geblieben ist.

Wenn hier der freien Meinungsäußerung über dieses Thema Raum gegeben wird, so mag unser Standpunkt gelegentlich falsch verstanden werden. Woher sollte man aber schon die Berechtigung nehmen, resignierend zu schweigen – nur weil es die Möglichkeit des Mißverständnisses gibt?

In unserem gesellschaftlichen Leben rührt man verständlicherweise nicht gern an Tabus. Sie sind ja (wie es zum Beispiel im Großen Brockhaus lautet) "Gegenstände, Personen, Handlungen, die eine besondere, dem Wesen nach unfaßbare Macht in sich tragen; der Kontakt mit ihnen ist gefährlich." Aber müssen wir Furcht vor Gefahren haben? Es gibt manche Anzeichen dafür, daß sich in unserem gesellschaftlichen Leben um das Obszöne der Schimmelpilz der Unwahrhaftigkeit ansetzt. Und darauf werden wir uns doch alle leicht einigen können: daß wir der Unwahrhaftigkeit auf den Leib rücken sollten.

Also wollen wir versuchen, von dem Tabu, das sich das Obszöne nennt, den Schimmelpilz der Unwahrhaftigkeit anzukratzen – ohne daß wir uns etwa einbilden dürften, ihn sogleich auch schon abkratzen zu können. René