Bild: "Bettelstudenten", ZEIT Nr. 35

Das Bild, das deutsche barfüßige Studenten als Bettler auf dem Straßenpflaster von Helsinki zeigt, muß einem die Schamröte ins Gesicht treiben. Das Verhalten dieser "Studenten" stellt alles in den Schatten, was man bisher an ähnlichen Klagen vernommen hat. Nicht wenige rühmen sich, wochen- und monatelang für hundert oder weniger Mark den Kontinent bereist zu haben – wie das geschieht, zeigt das Bild. Das Tollste ist, daß es sich bei diesen Nassauern nicht selten um die Kinder wohlsituierter Elternhandelt, denen es maßlos imponiert, wie ihre Sprößlinge mit einem Minimum an Barmitteln sich in einer Weise im Auslande bewegen, die dem zünftigen Bettler unzweifelhaft Gefängnisaufenthalt eintragen würde.

Wo ist der deutsche Wandervogelgeist geblieben, als junge Menschen sich ihr Vaterland erwanderten und nicht – wie heute – achtzig Prozent ihrer Reisen als Autoschnorrer verbringen? Jeder Autofahrer sollte sich an den Ausfahrten zu den Rollbahnen unserer Großstädte die Leute näher ansehen, die ihm ihr Pappschild "Student nach..." entgegenhalten. Es ist nicht allzuschwer, wahre Bedürftigkeit mit Nahzielen von anmaßendem Protzentum bestimmter akademischer "Fernfahrer" zu unterscheiden.

W. Schneider-Römheld, Berlin

"Radikal" zu sein, ist hier gewiß falsch, nämlich "grundsätzlich jeden" mitzunehmen wie "grundsätzlich niemanden". Mancher hat’s wirklich nötig (nicht nur junge Leute!), mancher verdient’s. Eine Möglichkeit, Hilfe zu versäumen, hieße wohl auch, sich selbst um das Gefühl zu bringen, jemandem etwas Gutes angetan zu haben. Die Entscheidung freilich ist schwierig angesichts der jugendlichen Spaliere, die sich vorwiegend an Straßenkreuzungen bilden. Stellt sich das wahre Abenteuer, das die jungen Menschen suchen, nicht erst dann ein, wenn sie ein fremdes Land erwandern, "erfahren", anstatt es in fremden Autos zu durchfahren? DIE ZEIT