Diesmal:

Thedieck contra Brandt

In der letzten Ausgabe der ZEIT hat Willy Brandt auf einen Artikel von Ernst Lemmer geantwortet, worin dieser wiederum einer ZEIT-Beitrag des Berliner Regierenden Bürgermeisters kritisiert hatte. So wäre denn also nun Minister Lemmer am Zuge. Allein, er ist zu Schiff im Urlaub. Es äußert sich daher an seiner Statt Franz Thedieck, der Staatssekretär in: Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen

Willy Brandt beklagt in seiner Antwort, daß wir uns in diesen Tagen "mit den Vorgängen im Kongo oder in Kuba intensiver befaßten als mit dem Geschehen im anderen Teil unseres Vaterlandes". Es trifft zu, die Zeitungen – auch die ZEIT – berichten voll Sorge über Kongo und Kuba. Aber mir scheint: mit gutem Recht. Dem dort handelt es sich – wie Dag Hammarskjöld von dem Kongo-Problem sagte – um Fragen von Krieg und Frieden in der Welt. Und diese Entscheidungen dort gehen beide Teile unseres Volke sehr viel an. Das zu übersehen wäre für einer deutschen Staatsmann, der sich anschickt, großi gesamtdeutsche Verantwortungen zu übernehmen sehr gefährlich.

Der Vorwurf aber gegenüber den Deutschen in der Bundesrepublik, man vergesse über der Beob achtung dieser Gefahrenherde die Sorge um unsere Mitbürger in der Zone, scheint mir, wenn ich du deutsche Presse der letzten Tage und Wochen überblicke, weniger berechtigt als je zuvor.

Am wichtigsten ist aber an der Antwort Willy Brandts an Ernst Lemmer, was nicht darin enthalten ist. Der Kernpunkt des ersten Artikels von Brandt war doch die Behauptung, man könne ein Zusammenspiel mit führenden SED-Funktionärei einleiten, die "in erster Linie als Deutsche um erst in zweiter Linie als Kommunisten" zu handeln bereit seien – oder zumindest hätte es ein solches Zusammenspiel in der Vergangenheit geben können. Bundesminister Lemmer hat daraufhii nachgewiesen, daß solche Ideen, besonders in Zusammenhang mit dem Namen Schirdewan Hirngespinste sind.

In seiner Erwiderung geht Willy Brandt darau mit keinem einzigen Wort ein. Er hat also offen bar den Gedanken, der im Mittelpunkt seines er sten Artikels stand und "neue Wege" in der Wie dervereinigungspolitik weisen sollte, sehr schnell aufgegeben. Dieser Gedanke war eine Illusion Willy Brandt meint, ihn brauche man nicht vor Illusionen zu warnen. In diesem Fall scheint die Warnung aber sehr wirksam gewesen zu sein.

Franz Thedieck