25 Stunden ohne Gewicht im All

Von Adalbert Bärwolf

Drei Tage bevor das sowjetische Raumschiff Sputnik VI als synthetische kleine Erde mit einer künstlichen Atmosphäre unseren Planeten achtzehnmal umkreist hatte und mit den beiden Weltraumhunden Bjelka und Strjelka sicher gelandet war, hatte ich Leonid Sedow, Moskaus Raumflugchef, im Kongreß-Büro der Königlichen Technischen Hochschule in Stockholm aufgesucht. Er war schroff und abweisend. Offenbar hatte die sowjetische Botschaft in Stockholm Sedow noch keine guten Nachrichten über den bevorstehenden großen Schritt in der Astronautik übermitteln können. Der Russe schien in diesem Augenblick vergessen zu haben, daß er Präsident der Internationalen Astronautischen Föderation war, von dem man neben wissenschaftlicher Qualifikation auch etwas Höflichkeit erwarten sollte.

Ich war auf Leonid Sedow zugegangen, hatte meine Karte überreicht und um Antwort auf eine Frage gebeten. Der sonst so verbindliche Russe bellte jedoch sofort auf deutsch zurück: "Keine Presse." Was er meinte, war jedoch: Keine westliche Presse; denn wenige Augenblicke zuvor hatte ich ihn mit einem Ostblockjournalisten plaudernd beobachtet, der Wernher von Braun ein wenig später nachrief: "Ich vertrete hundert Millionen Leser ..." Der ehemalige deutsche Forscher wandte sich zögernd ab und meinte, er sei doch hier auf einem wissenschaftlichen Kongreß und müsse ja auch mal ein Referat hören.

Die Frage, die ich Leonid Sedow stellen wollte, hieß: "Glauben Sie, Herr Professor, daß es nur, nachdem die amerikanische. Satellitenkapsel Discoverer unbeschädigt aus dem All zurückgekehrt ist, der nächste große Schritt der Astronautik sein muß, Tiere nach mehreren Satellitenflügel um die Erde zurückzuholen, um festzustellen, ob die hohen Verzögerungskräfte bei der Rückkehr des Satelliten nach langer Schwerelosigkeit gut genug vertragen werden?"

Die Antwort, die mir Sedow versagte, stehe auch nach der Rückkehr der beiden Weltraumhunde für die Öffentlichkeit noch aus. Nur einige russische Ärzte in den Geheimzentren der sowjetischen Raketenwüsten wissen heute, ob das große Rätsel der Raumfahrt im Tierversuch gelöst ist Das große Rätsel heißt: Verursacht die lange Schwerelosigkeit während des Fluges im Organismus solche Bewegungskrankheiten, die das starke Abbremsen bei der Rückkehr des Satelliten schließlich unerträglich machen?

Bevor die westliche Wissenschaft es wagen kann, einen Menschen in einen Satelliten zu setzen, muß diese Frage, die über das Leben des ersten Raumfahrers entscheidet, gelöst sein. Und es ist in dem harten Rennen der Großmächte um den großen Preis des ersten Weltraumfluges eines Menschen nicht damit zu rechnen, daß die Sowjets die Auswertungen ihrer biologischen Versuche ihren westlichen Kollegen zur Verfügung stellen.

Der Mann, der es sich im Westen wohl am meisten gewünscht hätte, an den Empfängern zu sitzen, die die physiologischen Meßwerte der Hunde Bjelka und Strjelka bei ihrem Sturz durch die Erdatmosphäre registrierten, während die Geschwindigkeit des Satelliten von 28 000 Stundenkilometern in ganz kurzer Zeit auf Null bei der Landung gebremst wurde – dieser Mann demonstrierte mir, auf dem grünen Teppich des Zimmers 115 im Stockholmer Strandhotel spiralförmig kreisend, negative Beschleunigungen nach dem Zustand der Gewichtslosigkeit. Die kreisenden Bewegungen, die Harald von Beckh, Technischer Direktor des Luftfahrtmedizinischen Laboratoriums der amerikanischen Luftwaffe in Holloman in Neu Mexiko, auf dem Boden vollführte, stellten die Spiralen dar, so wie er sie sechzig Sekunden lang nach einer Minute Gewichtslosigkeit geflogen hatte, um herauszufinden, wie es dem Menschen danach wohl ergehen mag.

25 Stunden ohne Gewicht im All

Was Dr. von Beckh – wohl der erfahrenste Luftfahrtmediziner der Welt – mit praktischen Schwerelosigkeitsflügen am eigenen Körper herausfand, ist dies: Beim bemannten Raumflug tritt eine Wechselwirkung von Beschleunigung und Gewichtslosigkeit auf. Solange die Rakete beim Aufstieg in die Satellitenbahn brennt, treten Beschleunigungen bis zu 9 G auf, mit "anderen Worten: der Mensch wiegt in diesem Augenblick neunmal soviel wie auf der Erde. Sobald der Motor der Rakete abgeschaltet wird, beginnt die Phase der Schwerelosigkeit. Diesen Zustand konnte man bisher in Flugzeugen nur etwa 60 Sekunden lang nachahmen. Das erste Lebewesen, das längerer Schwerelosigkeit ausgesetzt war, war der russische Weltraumhund Laika, der zum erstenmal in einem biologischen Experiment allen Umständen des Weltraumfluges ausgesetzt war. Wir wissen von dem russischen Weltraummediziner Dr. Kousnetzow, daß der Pulsschlag des Tieres um das Dreifache anstieg, solange die Rakete beschleunigt wurde. Das Atmungssystem wurde ebenfalls dreifach belastet. Doch zeigten die Herzfunktionen von Laika auf dem Elektrokardiogramm keine gefährlichen Abweichungen. Sobald sie im schwerelosen Zustand war, schlug ihr Herz wieder fast normal.

Was Dr. von Beckh aber nun in seinen Selbstversuchen herausgefunden hat, ergab ein bedenkliches Ergebnis: Die Wirkung der Beschleunigungen auf den Menschen ist stärker, wenn er sich vorher im gewichtslosen Zustand befunden hat. Der Arzt kam zu dem Ergebnis, daß Gewichtslosigkeit allein den Raumfahrtpiloten weniger in Gefahr bringt, als wenn sie noch zu anderen Belastungen hinzutritt und deren Wirkungen verstärkt.

Die Sowjets sind nach ihrem letzten Weltraumerfolg den Amerikanern nun wieder um einige Schritte voraus. Erst, wenn die Schimpansen des Dr. von Beckh aus einem Satelliten sicher zur Erde zurückgebracht worden sind, wird auch der Westen das Rätsel der Raumfahrt entschleiert haben.