Neue Möglichkeiten im Interzonenhandel

Das Abkommen, das die Beauftragten des "Währungsgebiets der DM-Ost" und des "Währungsgebiets der DM-West" kürzlich in Berlin unterzeichnet haben, stellt den Interzonenhandel weitgehend auf eine neue Grundlage. Die Tatsache, daß die Unterhändler beider Seiten ungeachtet der in der Verhandlungszeit verschärften Spannungen zwischen Ost und West von ihren Gesprächen bis zur Unterzeichnung des Abkommens nichts preisgegeben haben, könnte ein gutes Omen für den innerdeutschen Handel sein.

Drei wesentliche Punkte enthält die Neufassung des "Berliner Abkommens" vom 20. September 1951. Mit diesem Abkommen war seinerzeit der Versuch unternommen worden, dem Warenaustausch zwischen den beiden Teilen Deutschlands einen allgemeinen Rahmen zu geben. Er bestand in einer Reihe von Warenlisten, deren Positionen nicht nur Wertgrenzen hatten, sondern auch realisierbar nur in dem Umfang waren, wie sie durch Gegenlieferungen, mit einem relativ geringen Spielraum (oder Swing), bezahlt wurden. Entscheidend für das Volumen dieses "Rucksackhandels im Großen", das lange Zeit weit unter der jährlich vereinbarten Grenze blieb, waren nicht so sehr die Bedürfnisse jedes Partners, sondern die praktischen Liefer- und Absatzmöglichkeiten Pankows. Erst in den letzten Jahren war Pankow in bescheidenem Maße die Möglichkeit eingeräumt worden, einen Teil jener westlichen Güter mit barer Westmark zu kaufen, für die sich geeignete Gegenpositionen nicht finden ließen. In jeder zweiten Jahreshälfte wurde jeweils monatelang darüber verhandelt, wie weit im folgenden Jahr der Rahmen dieses mittelalterlichen Warentausches gesteckt werden sollte. In Zukunft gilt das neue Abkommen unbegrenzt und läßt also auch den Abschluß langfristiger Vereinbarungen zwischen Lieferanten und Empfängern zu.

Zweitens wurden die Warenlisten vereinfacht. Drittens werden unerfüllte Kontingente nicht – wie bisher oft jahrelang – als "Überhänge" mitgeschleppt, sondern beide Seiten saldieren einmal in der Jahresmitte ihre Konten und zahlen dem Gläubiger die Differenz in DM-West. Darüber hinaus wurde der östlichen Seite zugestanden, jederzeit unabhängig von den Warenlisten so viel gegen bare Westmark kaufen zu können, wie sie will – und kann. Pankow hat also z. B. das Recht, die auf der Autobahn, den Wasserstraßen nach Berlin und auf der Berliner S-Bahn eingenommenen Westmark-Beträge dazu zu verwenden, im Bundesgebiet einen Teil jener Konsumgüter zu erwerben, an denen die deutsche Bevölkerung Mangel leidet.

Die Zukunft wird zeigen, ob die Machthaber in Mitteldeutschland bereit sind, die Chancen des Abkommens wahrzunehmen. G. G.