Winfried Martini ist mißtrauisch. Die innen- und außenpolitische Stabilität der Bundesrepublik ist für ihn nichts als ein schöner Schein, die trügerische Ruhe verdeckt nur die Schwächen unseres Staates. Martini sieht deshalb seine eigene Stärke darin, diese Schwächen bloßzulegen. So tritt er denn in seinem Buch "Freiheit auf Abruf, die Lebenserwartungen der Bundesrepublik" (Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin), als "konstruktiver Pessimist" auf, als Warner auf dem "euphorischen Todesmarsch" unserer Republik. Ihm geht es dabei nicht um die Frage, "ob die Bundesrepublik eine gute Demokratie ist oder ob wir gute Demokraten sind, sondern (um) die ungleich wichtigere nach der Widerstandskraft unseres Staates".

Schon beim Grundgesetz setzt Martinis Mißtrauen ein. Durch dieses Verfassungswerk wurde – so sagt er – "eine Inflation der Freiheit" begründet, "ein Spielstaat, der darauf angewiesen ist, daß er nie einer rauhen Luft, nie dem Ernstfall, sei er innen- oder außenpolitischer Art, ausgesetzt wird". Die Hauptmerkmale dieses "Spielstaates" sieht Martini darin, daß die Bundesrepublik immer noch kein Notstandsgesetz hat, daß die Bundesexekutive zugunsten des Föderalismus ungebührlich eingeschränkt und daß die Bundeswehr zu schwach sei.

Die Parteien freilich bekommen ebenfalls ein schlechtes Zeugnis. Die Integrität der SPD-Führer biete keine Gewähr dafür, daß ihre Partei nicht östlich infiltriert werde, und die CDU sei eine Partei ohne politischen Instinkt. "Sie ist von Ängsten verschiedener Herkunft zerrissen: Angst vor der Macht des Ostens, Angst vor der Notwendigkeit, den deutschen Kredit im Westen zu erhalten, Angst vor der SPD, die Angst vor den Wählern. Doch sie ist zusammengehalten von einer übergeordneten Angst, der Angst vor Adenauer."

Und Adenauer selbst? "Gerade die Kanzlerkrise hat gezeigt, welche Rolle die Persönlichkeit Adenauers bei der Verschleierung unseres Zustandes, unserer Gefährdung spielt, wie sehr gerade sie die Abwehrkräfte in Schlaf wiegt... Hier liegt, wenn man will, das Unglück Adenauer."

Wer also soll denn nun Bürge für die Lebensfähigkeit der Bundesrepublik sein? Der Bürger, der Wähler? Weit gefehlt. Martinis Zweifel am Grundgesetz wird noch übertroffen durch seinen Argwohn gegenüber dem "Volkssouverän". Die Wähler hätten sich schon einmal, nämlich in der Weimarer Republik "unmißverständlich von der Demokratie losgesagt". Es gäbe keine Garantie dafür, daß der Volkswille in irgendeiner Krise der Bundesrepublik sich nicht wiederum "von der Intention der Verfassung löst, sich gegen sie kehrt: das wäre dann die rechte Situation, in der Pankow das Postulat nach freien Wahlen aufgreifen könnte."

Welche Hoffnung bleibt denn nun der Bundesrepublik, die nach Martini – in der Außenpolitik durch die Emotionen der Wähler und in der Wehrpolitik durch die mangelnde Kampfbereitschaft der Bevölkerung gelähmt ist, und die unter ähnlichen Belastungen, wie sie die Weimarer Republik vierzehn Jahre ertrug, längst zusammengebrochen wäre? Nun, sie kann darauf hoffen, daß der Ostblock durch sein Waffengerassel immer wieder den "Schlaf der Gerechten" stört. "Gnade uns Gott, wenn es Chruschtschow gelingt, den Geist von Camp David durchzuhalten!" Darauf zu bauen, daß der Osten immer zur rechten Zeit Kriegsdrohungen ausstößt, wäre freilich töricht. Also – so folgert Martini – muß der Demokratie durch Verfassungsänderungen auf die Beine geholfen werden.

In seinem 1954 erschienenen Buch "Das Ende aller Sicherheit" war Salazar das Muster; diesmal ist es de Gaulle. Die französische Verfassung ist für Martini "möglicherweise das Maximum an Demokratie, das sich zumindest ein Großstaat im 20. Jahrhundert noch leisten kann." Hier setzt nun der sonst so wache Zweifel Martinis plötzlich aus. Martini, der dem Grundgesetz, den Wählern und den Parteien mißtraut, unterstellt als selbstverständlich, daß ein Staatschef, ausgestattet mit ähnlichen Vollmachten wie de Gaulle, seine Macht weise gebrauchen werde ...