J. K., Paris, Ende August

Die französische Regierung wird in den nächsten Wochen einen neuen Versuch unternehmen, um die französische Wirtschaft von gewissen strukturellen Übeln, unter denen sie seit Jahrzehnten leidet, zu kurieren. Zahlreiche Vorgänger der Regierung de Gaulle haben dasselbe ohne Erfolg versucht. Die jetzige Regierung glaubt, sich in einer besseren Ausgangsstellung zu befinden, da sie über eine größere Machtfülle verfügt und die Wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Reform heute günstiger sind denn je.

Aber andererseits gibt es kaum ein schwierigeres Unterfangen als das, den Franzosen von liebgewordenen Gewohnheiten abzubringen, die überdies teils in Gesetzen verankert und teils achtzig und mehr Jahre alt sind. Das "leuchtende Beispiel" dafür ist der Betrieb der Pariser Zentralmarkthallen, ein beliebtes nächtliches Ziel für Besucher der französischen Hauptstadt, aber zugleich ein Monstrum des Anstoßes für jeden modernen Wirtschaftsorganisator. Weniger augenfällig, aber nicht weniger verhängnisvoll ist es, daß ganze Berufszweige unter administrativer oder gesetzlicher Verkalkung leiden. Der Beruf des Notars, des Rechtsanwalts und des Apothekers beispielsweise ist nach Gesetzen geregelt, die teils noch aus Napoleons Zeit stammen. Diese und andere "Zustände" hat ein vor einiger Zeit von der Regierung eingesetztes, von Jacques Rueff und Louis Armand präsidiertes Komitee wenn nicht neu entdeckt, so doch noch einmal angeprangert; überdies hat das Komitee entsprechende Vorschläge ausgearbeitet. Die Regierung wird dazu Anfang September Stellung nehmen. Das Rueff-Komitee soll eine ständige Einrichtung werden, da selbstverständlich viele der verkalkten Einrichtungen nicht ohne Störungen von heute auf morgen beseitigt werden können.

Als eine der dringlichsten Aufgaben betrachten die Experten die Verschärfung der Kartellüberwachung zum Zweck der Auflockerung der Preisbildung, die in zahlreichen Bereichen (nicht nur im Lebensmittelhandel) infolge von Preisabsprachen und einer absurden Besteuerung erstarrt ist.

Schließlich spricht sich das Komitee auch für eine kühnere Lohnpolitik aus. Es vertritt die in der Regierung umstrittene Ansicht, daß die Löhne den Preisen vorauseilen und ihnen nicht, wie seit über drei Jahren, nachhinken sollten. Nur auf diese Weise könne die seit zwei Jahren ungenügende Wachstumsrate der französischen Wirtschaft erhöht werden.