Der Geist genialer Einfälle weht, wo er will. Neulich brauste er wie ein Sturm im Fremdenverkehrsbureau von Cesenatico. Und schon ist der Erfolg da: Seit etwa drei Wochen ist der Badeort an der Adria, bislang bekannt wegen seines schönen Sandstrandes, aber lange nicht so bekannt wie die Rivalinnen Milano Marittima, Rimini, Cattolica, zu einer internationalen Berühmtheit geworden. Amerikanische Reisebüros bestätigen, daß kein Tourist aus Übersee, der etwas auf sich hält, bei seiner Italienreise vergißt, wenigstens einen Abstecher nach Cesenatico zu machen. Die 247 Hotels, Pensionen und Albergos können die Flut der Gäste kaum fassen.

So fing es an. Vor ein paar Monaten brachten Fischer einen ungewöhnlichen Fang heim: einen quicklebendigen Delphin weiblichen Geschlechts. Der Delphin, von der Bevölkerung adoptiert und Lalla genannt, wurde in ein abgesperrtes Stück des Hafenkanals gesetzt und erfreute dort seine Besucher mit heiteren Sprüngen. Nach ein paar Wochen jedoch versank Lalla in tiefe Niedergeschlagenheit. Sie vergaß ihre fröhlichen Sprünge, sie interessierte sich kaum mehr für die Fische, die ihre Freunde ihr mitbrachten, sie ließ sich kaum noch sehen. Die Diagnose: "Lalla leidet an Einsamkeit" war schnell gestellt. Und dann kam den Herren vom Verkehrsverein ein genialer Einfall.

Man schrieb einen Eilbrief an Mister Clifford Ball, den Direktor des Seeaquariums von Miami, schilderte die Einsamkeit der schönen Lalla und fragte höflich an, ob man nicht aus Miami einen Gefährten an die Adria schicken könnte. In Cesenatico hatte kaum jemand auf die Erfüllung des ausgefallenen Wunsches zu hoffen gewagt. Aber schließlich – was war im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht möglich? Und siehe da, Mister Ball machte sich fast postwendend und höchstpersönlich mit dem Schiffskommandanten Bill Gray und dem Delphin Palooza auf den Weg über den Ozean. 300 amerikanische Journalisten waren bei der Abfahrt in Miami versammelt. Durch sie vernahm ganz Amerika von der Hochzeitsreise des amerikanischen Delphins zu der italienischen Braut. Palooza wurde im Handumdrehen so berühmt, daß er vorübergehend fast Kennedy den Rang ablief.

Die Ankunft des männlichen Delphins wurde ein Volksfest in Cesenatico. Alle Honoratioren und Tausende von Badegästen standen zur Begrüßung am Hafen. Ein Fanfarenstoß begleitete den Sprung des endlich Befreiten in den Kanal. Seitdem sind Lalla und Palooza, das Kontinente verbindende nasse Paar, von dem niemand weiß, was die beiden voneinander halten, die berühmtesten Statisten an der adriatischen Küste. Die Herren vom Verkehrsverein reiben sich vergnügt die Hände, die Gemeindekasse von Cesenatico füllt sich. Niemals seit Orpheus Zeiten haben Delphine eine so glückliche Rolle gespielt.

Monika von Zitzewitz