Bei den Aktien wird zur Zeit wieder zweigleisig gefallen. Die Ausländer kauften unverdrossen der IG-Farben-Nachfolger, zeitweise auch Bank-Aktien, dagegen weniger AEG und Siemens, weil sie offensichtlich das bei diesen Papieren vorausgesetzte "Berlin-Risiko" scheuen. Das deutsche Publikum, oder besser gesagt: die kleine Spekulation, zieht andererseits die Spezialwerte mit engem Markt vor, in der Hoffnung, hier schnell zu respektablen Kursgewinnen zu kommen. Zwischen diesen beiden Gruppen liegen die Montan-Aktien, die jedoch ebenfalls in den letzten Tagen kleinere Kursgewinne erzielen konnten. Die Käufer dieser Papiere, die recht erliebliche Beträge aufgenommen haben, rechnen damit, daß die im Herbst vorgelegten Dividendenvorschläge einiger Eisen- und Stahl-Konzerne diesen vernachlässigten Markt in Bewegung setzen werden.

Erfreulich ist, daß der Rentenmarkt zur gleichen Zeit seine Stabilität beibehalten konnte. In- und ausländische Käufer werden durch die hier erzielbare hohe Rendite angezogen, daneben spielt natürlich auch die Hoffnung auf Kursgewinne eine Rolle, die eintreten werden, wenn der Zins sinken sollte. Es wäre zu wünschen, daß die Ansätze zu einer Erholung der Rentenkurse nicht durch eine frühzeitige Aufgabe des Emissionsstopps zunichte gemacht würden. Niemand hätte davon einen Nutzen.

Noch ist nicht abzusehen, inwieweit die Aufnahmesperre der Schweiz für ausländisches Kapital einen vermehrten Zustrom dieser Gelder auf den deutschen Markt bringen wird. Sensationelle Veränderungen sind jedoch kaum zu erwarten, denn die Schweiz hat in der Vergangenheit stets nur als Drehscheibe bei der Kapitalanlage gewirkt. Nur ein relativ geringer Teil des in die Schweiz eingeströmten Kapitals ist auch dort geblieben. Nicht zu übersehen ist, daß die Pariser und Mailänder Börse von dem internationalen Kapitalstrom mehr als früher berührt wird.

Den bisherigen Favoriten ist die Gunst der deutschen Börsenspekulation erhalten geblieben. Im Vordergrund standen erneut die Automobilwerte, wo Daimler allerdings beträchtlich schwankten. Nach der Umstellung des Kurses auf das durch Berichtigungsaktien verbreiterte Kapital setzten zunächst neue Käufe ein, die den Daimler-Kurs vorübergehend auf über 4000 vH steigen ließen. Auf dieser Basis errechnete sich für das gesamte Daimler-Kapital ein Kurswert von rund 7,3 Mrd. DM! NSU haben inzwischen die 2600-Prozent-Grenze überschritten. Man erwartet, daß der Wankel-Motor später einmal lukrative Lizenzeinnahmen einbringen wird und verfolgt deshalb mit großer Aufmerksamkeit die gegenwärtig geführten Verhandlungen mit den großen Automobil-Konzernen der Welt. Sowohl bei Daimler als auch bei NSU wird mit dem Kurs weit in die Zukunft hineingegriffen.

Bei allem Zukunfts-Enthusiasmus für die Automobil-Aktien, für die Maschinen-, Werft- und Kaufhauswerte finden sich immer wieder Leute, die einmal Gewinne mitnehmen und sich von ihren Papieren trennen. Allerdings bleiben die Erlöse nicht lange liegen. Meist dienen sie zum Erwerb von solchen Papieren, die als "zurückgeblieben" gelten. Auf diese Weise kommt nach und nach der gesamte Aktienmarkt in Bewegung, oftmals auch solche Papiere, bei denen eine Kursheraufsetzung als geradezu unsinnig erscheint. Dabei braucht als Beispiel nicht nur die BMW-Aktie herangezogen werden. Ähnlich ging es bei Deere-Lanz. Hier handelt es sich um ein Unternehmen, das in den nächsten Jahren noch keine Dividende zahlen wird aber dennoch im Kurswert um nahezu 50 vH gestiegen ist. Kurt Wendt