General Lemnitzer, der Chef der Stabschefs, will die amerikanische Armee vergrößern

Washington, Ende August

Nach sieben Jahren wird in Washington zum erstenmal wieder eine Heeresgeneral den Vorsitz der Vereinigten Stabschefs führen: Lyman Louis Lemnitzer, den Präsident Eisenhower in der letzten Woche zum Nachfolger des kranken Luftwaffengenerals Nathan Twining ernannt hat. In der amerikanischen Hauptstadt bezweifelt kaum jemand, daß der Senat diese Ernennung bestätigen wird, möglicherweise noch vor dem Ende der außerordentlichen Kongreßsitzung. Indessen hat am Potomac ein großes Rätselraten angehoben, wie sich Lemnitzers Berufung an die Spitze der Pentagonhierarchie wohl auf die US-Militärpolitik und auf die bisher gültige strategische Doktrin auswirken mag. Ist das Ende des New Look gekommen?

Jener New Look, den Eisenhower während seiner ersten Amtszeit kreierte und der eng mit dem Namen des damaligen Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff, Admiral Radford, verknüpft war, galt lange Zeit als das Kolumbus-Ei der amerikanischen Verteidigungspolitik. Er verlagerte das Schwergewicht auf die massive atomare Abschreckung und maß den konventionellen Streitkräften nur noch geringe Bedeutung bei. "More bang for the buck" war das Motto seiner Verfechter: Mehr Donner pro Dollar. Feuerkraft sollte die Mannschaftsstärke ersetzen, die Vergeltungsmacht das Verteidigungspotential. Das vermeintliche Kolumbus-Ei entpuppte sich freilich bald als Kuckucksei. Spätestens nach dem Start des ersten Sputnik in den Weltraum wurde deutlich, daß der New Look vielleicht die billigste. Strategie war, aber gewiß nicht die wirksamste gestufte Vergeltung.

Wenn sich die sowjetischen und die amerikanischen Kernwaffenarsenale gegenseitig neutralisieren und also ein selbstmörderischer totaler Atomkrieg nahezu undenkbar wird – so fragten die Kritiker –, erhöht sich dann nicht die Gefahr lokaler und begrenzter Kriege? Und gerät dabei nicht automatisch jene Macht ins Hintertreffen, die ihre konventionellen Streitkräfte vernachlässigt? Schneiden wir uns mit unserer "einbeinigen" Atomschreckstrategie nicht ins eigene Fleisch, indem wir für einen Krieg rüsten, der aller Wahrscheinlichkeit nach nie stattfinden wird, uns jedoch auf die Konflikte, mit denen wir rechnen müssen, so gut wie gar nicht vorbereiten? Die Kritiker, die vor allen Dingen im Generalstab des Heeres zu finden sind, wurden ihrer Kassandrarufe nicht müde. Der massiven Abschreckung setzten sie ihr Konzept von der abgestuften Abschreckung entgegen. Gleicher Klotz auf gleichen Keil, argumentierten sie: Totaler Atomgegenangriff auf totalen Atomangriff; begrenzter Atomkrieg auf begrenzten Atomkrieg, konventionelle Kriegführung gegen konventionellen Überfall. Sie forderten glaubhafte Abschreckung auf allen Gebieten.

Noch letztes Jahr, als der Generalstabschef des Heeres, General Taylor, aus Protest gegen Eisenhowers Verteidigungspolitik aus dem Dienst schied, stießen sie zumeist auf taube Ohren. Die Air Force stellte den Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, und die Air Force, Exponent der massiven Abschreckung, hatte das letzte Wort. Jetzt aber tritt – im vorzeitigen turnusmäßigen Wechsel – ein Heeres-General an die Spitze der amerikanischen Militärhierarchie.

"Lem" Lemnitzer wird sein Amt in einem Augenblick übernehmen, da die Öffentlichkeit über die Unzulänglichkeit der Rüstung und der strategischen Doktrin Amerikas zutiefst beunruhigt ist, da der Kongreß das Wehrbudget zu erhöhen trachtet und die Kritik an Eisenhowers Verteidigungspolitik selbst innerhalb seiner Republikanischen Partei immer lauter wird. Lemnitzer wird mehr Gehör finden als zuvor. Auf die Ideen des nächsten Präsidenten, heiße er nun Kennedy oder Nixon, wird er maßgeblichen Einfluß ausüben: Nach den Statuten ist der Vorsitzende der Joint Chiefs of Staff der militärische Berater des Verteidigungsministers und des Präsidenten, zu dem er ständigen direkten Zugang hat.