S. D., Paris, Ende August

Der jüngste und nunmehr feste Entschluß der algerischen Exilregierung, das Algerienproblem Zu internationalisieren, ist ein "Versuchsballon", der nicht von selbst wieder platzen wird. Die Forderung der FLN, die UN solle den von de Gaulle erfundenen Selbstbestimmungsplan, das Referendum in Algerien praktisch durchführen, ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Es ist nicht zu widerlegen, daß de Gaulle bislang ablehnte, die von den FLN verlangten Garantien zu geben. Paris hat bisher kein anderes Argument gefunden als den Hinweis: Algerien ist ein nationales französisches Problem, mit dem Dritte und die UN nichts zu tun haben.

Warum eigentlich die erste verheißungsvolle Verbindungsaufnahme zwischen Paris und der FLN, die Anfang Juli in Melun stattfand, so sang- und klanglos gescheitert ist, weiß man bis zum heutigen Tag noch nicht. Fast hat man den Eindruck, als unterdrücke man sowohl in Paris als auch in Tunis jede neugierige Frage, um niemanden in Verlegenheit zu bringen. Diese Rücksichtnahme selbst von Seiten derjenigen, die seit eh und je auf Aktionen drängen, wäre rührend anzuschauen, wenn es sich nicht um einen so blutiggrausamen Gegenstand handelte: den Algerienkrieg. Wie dem auch sei – die Geduld, die man in Frankreich immer noch an den Tag legt, beweist, daß General de Gaulle auch nach zweieinhalb Jahren vergeblicher Bemühungen Kredit hat.

So also das ständige Auf und Ab zwischen Hoffnungsschimmer und Enttäuschung, zwischen zaghaften Versuchen und abrupten Querschüssen. Der "schmutzige Krieg" geht weiter, mit wöchentlich rund 200 Guerilla-Aktionen von seiten der FLN und 200 Einsätzen der französischen Armee, ohne daß sich die – militärische – Lage ändert.

Gegenüber dieser Sterilität gibt es aber nun doch Kräfte, die von außen einwirken. Gerade in den letzten Wochen mußte die französische Regierung erkennen, wie dünn und leicht verletzlich die Trennwand zwischen "ihrem" französischen Problem Algerien und der Weltpolitik ist. Da ist der Kongo-Konflikt und da ist die Kreml-Offensive auf "die wahre Gesinnung" Premierminister Debrés. Beides, die zweifellos in der Sache ungerechtfertigte Identifizierung der belgischen Situation im Kongo mit der französischen Lage in Algerien und der sowjetische Propagandafeldzug gegen den "französischen Kolonialgeist" könnte, wie man in Paris fürchtet, unangenehme Folgen haben. Dies um so leichter, als Paris bis zur nächsten öffentlichen Diskussion über Algerien vor der UN im Oktober kaum noch genügend Zeit bleibt, die falschen Anschuldigungen zu widerlegen.