Von Ingrid Neumann

In diesen Tagen sitzen die Sozialpartner des westdeutschen Steinkohlenbergbaus am Verhandlungstisch, um über die Lohnforderung der Industrie-Gewerkschaft Bergbau und Energie zu beraten. Eine zwölfprozentige Lohn- und Gehaltserhöhung wünscht sich die Bergarbeiterführung in Bochum, die damit erstmalig vor dem Ablauf eines geltenden Tarifvertrages auf den Plan getreten ist. Bis in die Mitte des nächsten Jahres hinein sollte ursprünglich das letzte Lohnabkommen verbindlich sein, aber diese Rechnung ging nicht auf. Das Dogma von der Spitzenstellung der Bergmannslöhne erlaubte eine vorzeitige Kündigung des laufenden Tarifvertrags im Ruhrbergbau, bei dessen Abschluß seinerzeit nicht nur eine noch vollständig unbewältigte Kohlenkrise Pate gestanden hatte, sondern auch in anderen Bereichen der Wirtschaft auf der lohnpolitischen Welle nicht gesendet wurde!

Inzwischen sind die geltenden Tarifbestimmungen nicht mehr attraktiv genug, um den Kumpel bei der Kohle zu halten. Die freiwillige Abwanderung von Arbeitskräften aus dem Bergbau hat eine Größenordnung erreicht, die weit über das von der Absatzkrise vorgeschriebene Maß hinausgeht. Deswegen werden diesmal auch die bevorstehenden Lohngespräche im Essener Glückauf-Haus ohne grundsätzliche Differenzen geführt werden können. Die Notwendigkeit einer wirksamen Tarifaufbesserung im Ruhrbergbau wird – seit Monaten – im Unternehmerlager ebensobetont wie in der Bochumer Gewerkschaftszentrale.

Das Gespenst der Abwanderung beschäftigt die Diskussion an der Ruhr sogar schon intensiver als die – nach wie vor nicht überwundenen –’Absatzsorgen. Tatsächlich gibt es bereits Zechen, die mehr Kohle verkaufen könnten, als sie auf Grund ihrer unfreiwillig verringerten Belegschaft zu fördern in der Lage sind. Dennoch wird es kein leichter Entschluß sein, den zu fassen sich die Tarifpartner des westdeutschen Steinkohlenbergbaus gerade anschicken; denn die ultima ratio früherer Jahre, als es schließlich "nur" darauf ankam, regelmäßige Kostensteigerungen (auf der Lohnseite) ebenso regelmäßig im Kohlenpreis weiterzugeben, ist nicht mehr aktuell.

Es ist zwar nicht zu übersehen, daß der Kohlenmarkt zum erstenmal seit Beginn der Absatzkrise freundlichere Züge trägt. Aber ein stabiles Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wird noch auf sich warten lassen. Der Ruhrbergbau hat im ersten Halbjahr 1960 57,8 Mill. t Kohle gefördert. Damit liegt die Förderung nur noch um knapp 400 000 t unter der des Vorjahres. Dafür aber haben sich auch die Verkaufsschätzungen, die an der Ruhr zu Beginn dieses Jahres aufgestellt worden waren – und die zunächst außerordentlich optimistisch aussahen – verwirklichen lassen. Der Absatz fester Brennstoffe ist schon in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um fünf Mill. t – auf 46,4 Mill. t – gestiegen, womit der Ruhrbergbau vermutlich sein gestecktes Umsatzziel von plus zehn Mill. t im ganzen Jahr erreichen wird.

Getragen wird diese für die heimische Kohle ohne Zweifel günstige Entwicklung allerdings recht einseitig von bestimmten industriellen Verbrauchergruppen. Allen voran die Elektrizitätswirtschaft und die Eisen- und Stahlindustrie, die auf Grund ihrer Superkonjunktur ihre Kohlenbezüge beim Ruhrbergbau kräftig erhöht haben. Auch der Export, besonders in dritte Länder, konnte nochmals – wenn auch unter beträchtlichen Preiszugeständnissen – ausgeweitet werden. Nach wie vor stark umkämpft bleibt indessen der Hausbrandmarkt, auf dem das Heizöl seinen Siegeszug fortsetzt. Um 50 vH hat die Mineralölindustrie ihren Heizölabsatz in der Bundesrepublik im ersten Halbjahr 1960 erhöht. In den ersten Monaten dieses Jahres hat die bevorstehende Heizölsteuer die Nachfrage nach dem flüssigen Energieträger stärker angekurbelt als sie ihn nach ihrer Verwirklichung hat bremsen können.

Die Haldenbestände bei den Zechen sind zwar schon um einiges verringert worden, aber immer noch sitzt der Ruhrbergbau auf mehr als zwölf Mill. t unverkaufter Kohle, die, selbst wenn sie in Ausnahmefällen schon als Ausgleichsreservoir begrüßt werden, den Markt noch lange Zeit blockieren. Auf keinen Fall aber darf bei der Frage, ob der Bergbau die Kohlenkrise überwunden hat, vergessen werden, daß eine der Hauptursachen für den erhöhten Absatz der heimischen Kohle die Importbeschränkung war. Der Ruhrbergbau hat für die Ablösung von US-Importverträgen 270 Mill. DM aufgewendet. Immerhin ist durch den Kohlenzoll auch der Import fester Brennstoffe im ersten Halbjahr 1960 um über 2,5 Mill. t – auf 3,3 Mill. t – reduziert worden. Das ist zwar ein Erfolg für den deutschen Bergbau, aber die Tatsache, daß diese Hilfe von vornherein als befristet gilt, macht die Labilität der Verhältnisse auf dem deutschen Kohlenmarkt deutlich.

Für den Bergbau kommt es nach wie vor entscheidend darauf an, sein Angebot den langfristigen Absatzchancen anzupassen. Dabei spielt der niedrigstmögliche Preis der im Wettbewerb mit anderen Energieträgern stehenden Kohle nun einmal die überragende Rolle. Es ist sicher richtig, daß sich die Ertragslage des Ruhrbergbaues auf Grund der bisherigen Rationalisierung schon merklich gebessert hat – über die bisher "eingesparten" Beträge streiten sich Gewerkschaft und Unternehmensverband Ruhrbergbau noch –, aber es bleibt die Frage, ob es sinnvoll ist, den Rationalisierungseffekt selbst wieder zu verzehren. Eine neue Belastung des Lohnkontos muß diese arbeitsintensive Industrie in ihren Operationen auf dem diffizilen Energiemarkt zwangsläufig belasten – es könnte daraus sogar die Notwendigkeit zu einem weiteren Kapazitätsschnitt erwachsen.