Zum Beginn der Olympischen Spiele: Menschliche Leistungsgrenzen im Sport

Von Adolf Metzner

Die XVII. Olympischen Spiele moderner Ära, die seit der Athener Premiere 1896 zum ersten Male wieder auf antikem Boden, in Rom, stattfinden, haben eine einschneidende Neuerung gebracht: die Olympia-Norm. Für die meßbaren Disziplinen sind genaue Leistungslimits festgelegt worden, deren Überbietung Voraussetzung für die Teilnahme ist. Beim 10 000-m-Lauf zum Beispiel beträgt diese Qualifikationsgrenze 29,40 Minuten. Ein Paavo Nurmi – in den zwanziger Jahren das Idol einer ganzen Sportgeneration – würde demnach mit seinem damaligen Weltrekord von 30.06,2 Minuten die Olympianorm für Rom nicht schaffen. Vorolympische Sensationszeiten in den Langstrecken sind diesmal sogar ausgeblieben. Dafür waren die Leistungen der amerikanischen Leichtathleten in den Schnellkraftübungen bei ihrer letzten Heerschau unter kalifornischer Sonne mit drei Weltrekorden um so erstaunlicher. Mit diesen drei Paukenschlägen kündigte die US-Streitmacht ihren Aufbruch zu dem homerischen Treffen gegen die Russen an. Die Headlines der Massenpresse warteten mit dem tiefenpsychologisch akzentuierten Superlativ "Traumrekorde" auf. Gemeint sind Höchstleistungen von einem Ausmaß, das bisher jenseits des rationalen Vorstellungsvermögens lag.

Der Gründer der neuzeitlichen Spiele war kein Gegner des Rekords, aber die Anheizung nationaler oder ideologischer Leidenschaften wollte er in weiser Voraussicht unbedingt vermieden wissen: Coubertin ließ zwar die nationalen Symbole zu – heute sind im Internationalen Olympischen Komitee Bestrebungen im Gange, auch sie zu streichen –, dagegen wünschte er kein Gesamtklassement, das die Nationen nach ihrem punktmäßig errechneten Abschneiden rubriziert. Aber gerade diese inoffizielle Punkte- beziehungsweise Medaillentabelle führt ein zähes Leben. Stellt sie doch den auf die knappste Formel gebrachten Heeresbericht der kämpfenden Lager dar!

Doch wir wollen das Schlachtenkolossalgemälde nicht zu drastisch ausmalen. Die Granaten entpuppen sich als Böller, Pulverdampf wird selbst bei den Schießwettbewerben nicht aufsteigen, und nur im Boxring könnten einige Tropfen Blut fließen.

Magischer Glanz der Zahlen

Die olympische Stimmung, dieses Hochgefühl, das der Text unserer Verlegenheitshymne in Schillerschem Pathos preist, jenes "Alle Menschen werden Brüder..." wird sicher die Szene beherrschen, wenn jetzt die "Jugend der Welt" aus 87 Nationen ins olympische Stadion einzieht. Bei den Kämpfen selbst werden die Zuschauer wie immer der Faszination der menschlichen Höchstleistung erliegen. Prosaische Zahlen, die dem Laien nichts bedeuten, erhalten für den Kenner magischen Glanz. Er berauscht sich an ihnen, wie ein Mathematiker an einer besonders "schönen" Formel. Die große Stunde des Rekords ist also da. Und sicher ist es kein Zufall, daß die beiden Herkunftsländer der meisten Rekorde, Amerika und Rußland, die fortschrittsgläubigsten der Erde sind, ebensowenig wie es kein Zufall sein dürfte, daß die gleichen Nationen gerade bei dem Versuch sind, die "Traumgrenze" zum Weltall zu durchbrechen.