Zürich, im August

Zwischen dem 7. Juli und dem 6. August sind der Schweizerischen Nationalbank für fast eine Milliarde Franken Währungsreserven zugeflossen. (Der Bestand erhöhte sich von 8115 auf 9062 Mill. sfr.) Ein breiter Strom ausländischer Gelder hat sich in den letzten Wochen in die Schweiz ergossen. Die Notenbank hat den Devisenzufluß zum größten Teil in Gold umgewandelt.

Die "Flutwelle" hing, wie schon oft in der Vergangenheit, mit der unsicheren weltpolitischen Situation zusammen. Im Trubel des Weltgeschehens wird die Schweiz immer noch als sicherer Hort betrachtet. In erster Linie handelt es sich jetzt um Auswirkungen der Kongokrise.

Mit der Übernahme der Devisen durch die Notenbank erhöhen sich die jederzeit verfügbaren Guthaben des Marktes. Die Möglichkeiten der Banken zur Kreditexpansion wachsen. Damit ist aber zugleich die Gefahr einer neuen Drehung der Inflationsspirale verbunden, die ohnehin durch die Anspannung auf dem Arbeitsmarkt und in anderen Bereichen bereits gefährlich nahe gerückt ist.

Der Schweizerischen Nationalbank kann diese Situation nicht gleichgültig sein. Ihre Aktionsfähigkeit ist allerdings gesetzlich eng begrenzt. Wie bereits mehrfach in der Vergangenheit hat das schweizerische Noteninstitut daher zum Mittel der freiwilligen Vereinbarung mit den Banken, dem Abschluß eines sogenannten gentlemen’s Agreement zur Abwehr und Verminderung ausländischer Gelder in der Schweiz gegriffen. Ei ist am 18. August für die vorläufige Dauer eines Jahres in Kraft getreten, soll aber nicht länger als notwendig am Leben bleiben. Durch verschiedene Maßnahmen soll der Zufluß neuer Mittel gebremst – und sollen die bereits in der Schweiz befindlichen Guthaben zum Abzug veranlaßt werden.

Die Bildung neuer Sichtguthaben soll erschwert Verden. Dafür werden folgende Mittel eingesetzt: Die seit dem 1. Juli dieses Jahres gebildeten ausländischen Sichtguthaben und neu zufließende ausländische Gelder werden einer Kündigung von drei Monaten untervorfen. Die Verzinsung solcher Guthaben wird aufgehoben. Guthaben, die nach Inkrafttreten der Vereinbarung gebildet und weniger als sechs Monate gebunden werden, unterliegen einer Kommission von 1/4 vH pro Quartal, Das Abkommen läßt sich nicht strikt durchführen. Weder die traditionelle Stellung der Schweiz als internationaler Bankenplatz noch andere wichtige Wirtschaftsfunktionen dürfen verletzt werden. Auch werden Guthaben bis zu 20 000 Franken dem Abkommen als Bagatellfälle nicht unterstellt. Das gleiche gilt für Guthaben ausländischer Arbeitskräfte ohne jede Begrenzung und für ausländische Banken im Rahmen "normaler Geschäftsbeziehungen". Außerdem sind alle Guthaben zwischen 20 000–50 000 Franken und Einzahlungen und Gutschriften in Verbindung mit einem bestehenden Titeldepot, sofern die Beträge im bisherigen Rahmen bleiben, von der Kommissionsbelastung und der Kündigungsfrist ausgenommen. Immerhin gilt für diese Kategorie die Zinslosigkeit. Die Kündigungsfristen werden nicht angewandt, wenn die Schweizer-Franken-Guthaben in eine andere Währung konvertiert oder für Auslandsanlagen verwendet werden.

Unerwünschte Nebenwirkungen, die durch das Abkommen geradezu herausgefordert werden, sollen durch ein geeignetes Verhalten der Banken verhindert werden. So sieht das Abkommen vor, daß vor allem Überleitungen von Auslandskapital auf die Schweizer Börsen und das Horten von Schweizer Banknoten von den Banken abgelehnt werden sollen.