Die These der Aufwertungs-Gegner: Devisenschwemme vorübergehend und zeitbedingt

Von Hans-Helmut Kuhnke

Wie schon vor Jahren, ist in diesem Sommer erneut eine lebhafte Diskussion um den Wechselkurs der D-Mark in Gang gekommen. Die wachsenden Deviseneinnahmen, die bisher jeweils nur vorübergehend durch Kapitalexporte wettgemacht werden konnten, sowie die ausgeprägten Überhitzungserscheinungen besonders auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben das Interesse an dem Problem neu geweckt. Die Londoner "Times" hat in der vergangenen Woche der deutschen Währungspolitik in verhüllter Form Inkonsequenz vorgeworfen, indem sie die Alternative "Aufwertung oder Politik des billigen Geldes" als unausweichlich darstellte. DIE ZEIT, die der Ansicht ist, daß die Wahrheit im Streit zwischen der Bundesbank und ihren Kritikern ausnahmsweise tatsächlich in der Mitte liegt, erteilt im folgenden einem Aufwertungs-Gegner das Wort.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr jedermann geneigt ist, einen augenblicklichen Zustand als feste Grundlage für langfristig sich auswirkende Entscheidungen anzusehen. Zu verhängnisvollen Fehlentscheidungen droht der beträchtliche Aktivsaldo unserer Handelsbilanz zu verleiten.

Die Überschüsse sollen die Ursache sein für eine "importierte Inflation" sowie für ungesunde Zahlungs- und Handelsbilanzen anderer Länder; sie sollen die Folge angeblich falscher Wechselkurse und eines angeblich ungerechtfertigt niedrigen Lohnniveaus sein; sie sollen das Wachstum des Lebensstandards verlangsamen, da sie das inländische Angebot verringern und damit preistreibend wirken.

Angebliche Freunde im In- und Ausland empfehlen daher den Abbau dieser Handelsbilanz-Überschüsse mit Hilfe von DM-Aufwertung oder massiven Lohnerhöhungen, von Exporterschwerungen und Importerleichterungen, von möglichst billigem oder gar unentgeltlichem Kapitalexport in Form von Anleihen und Geschenken – tunlichst noch mit der Auflage, mit diesem Geld überall in der Welt, nur nicht in der Bundesrepublik einzukaufen! Die Beseitigung des internationalen Goldautomatismus, an dessen Stelle seit einigen Jahrzehnten wieder die Herrschaft des menschlichen Verstandes und damit menschlicher Willkür getreten ist, bringt zwangsläufig auch eine Inflation von Ratschlägen, Forderungen und Warnungen für den verantwortlichen Leiter jeder manipulierten Währung mit sich.

In den Friedensjahren nach dem Ersten Weltkrieg haben wir seinerzeit unsere wirtschaftliche Lage und Leistungsfähigkeit hinter Wogen des Schleiers, bereitwillig gegebener ausländischer Anleihen, die damals zu einer "geborgten" Aktivität der deutschen Zahlungsbilanz führten, verkannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg leben wir wiederum in der Illusion eines selbst erarbeiteten Devisenreichtums. Heute ist er allerdings nicht formalrechtlich geliehen wie in der Weimarer Republik, dafür jedoch weitgehend die Folge politischer Verhältnisse, deren unbegrenzte Fortdauer nicht einfach unterstellt werden sollte. In der vorsichtigen Sprache der Deutschen Bundesbank heißt es im Geschäftsbericht 1959: