Deutschland für Amerikaner

Einige Ratschläge für USA-Touristen – und nicht nur für sie – Leicht vergessene Spezialitäten

Von Wolfgang Paul

Jeder Tourist duelliert sich mit dem Land, in das er kurzfristig einfällt. Nichts kann ihn abhalten, doch Sekundanten bringt er sich mit, daß er nicht allein stehe, wenn es ernst wird. Manche USA-Touristen haben vielleicht in diesem Jahr eine Nummer von TIME im Gepäck mit dem "Tourist Europe 1960, A Guide to Prices and Places". Dort findet der Amerikaner sein Germany 1960: Knödel und Bayerisch Bier, Münchner Oktoberfest, nur wenig mehr.

Ein schlechter Sekundant, TIME. Denn das Bier und die Knödel und die Gaudi kann der Amerikaner auch in seinem Lande finden, Deutschland aber nicht. Es rühmt sich nicht, es ist so bescheiden geworden, es wartet nur. Aber während es wartet, macht es sich immer schöner, sehenswerter und teurer, ganz wie ein Amerikaner es haben will. Wie verlassen aber muß sich ein Amerikaner vorkommen, der dem Knödel- und Bierdunst entrinnt, von der groben Lustschaukel des Oktoberfestes abspringt und sich in deutsche Büsche schlägt, um auf eigene Faust, ohne die respektable TIME, das Duell mit Deutschland zu wagen – wenn auch nur für Tage?

Er möge wissen: Deutschland ist ein kleines Land in den letzten fünfzehn Jahren geworden. Man kann es in Stunden überfliegen, an einem Tag von Nord nach Süd mit fixen Zügen durchfahren. Man darf es auf den Autobahnen durchgleiten im geliehenen Großraumwagen oder VW und talwärts und hügelan in vierundzwanzig Stunden Revue passieren lassen, was es nur hierzulande gibt.

Durch Germaniens Auen

Deutschland ist ein schnelles Land geworden, mit plötzlich einladenden Pausen. Sollte der Amerikaner Jack Keröuacs "Ort the road" gelesen haben oder wenigstens Lolita – er wird den großen Run durch die Auen und Wälder Germaniens als kleinen Wochenendausflug bezeichnen.

Deutschland für Amerikaner

Aber liegt darin nicht für den USA-Touristen ein unschätzbarer Vorteil? Freilich, wissen muß er schon, wo er Pause macht. Die Globe-Tours, die in USA angeboten werden, haben ihre festen Ziele (München, Garmisch, "Black Forest", vielleicht noch Heidelberg.) Der USA-Tourist auf eigene Faust bleibt bei den Knödeln und leim Bier, wenn er TIME vertraut.

Möge er ein wenig uns vertrauen: Wir, da: ist das Moselland mit dem (neuen) Sessellift über Cochem und einer Zeller Schwarzen Katz Originalabzug in der Brückenschenke von Traben-Trarbach, 1959er, der Sonne schönster Gesang im deutschen Westen. Das ist der Rhein zwischen Birgen und Boppard, dazwischen Heines Loreley und die schöne Weinkönigin mit dem Pokal in der alten Wirtsstube. Das ist Franken mit den Weindörfern um Würzburg, Volkrach oder Iphofen und Escherndorf. Bambergs Reiter ist soeben neu geputzt worden, und Vierzehnheiligen ist schöner als der Petersdom. Das ist das Fichtelgebirge mit den schwarzen Wäldern und den hellen Seen, Kulmbachs Plassenburg und ihr größtes Zinnfigurenmuseum der Welt, in dem man alle Kriege Europas bis 1871 nachgebildet sieht in den Dioramen, die jeden Film in den Schatten verweilen. Das ist der Bayerische Wald mit seinen Urwäldern und Tälern, in denen niemals die Romantik aufhört.

Weißwurst in verräucherter Schenke

Deutschland ist der Odenwald das stolze Erbach am Main mit dem teuersten neuen Kurhaus Deutschlands und Baden-Baden mit den vielen Vergangenheiten, die dort im Kurpark verdämmern. In Weinheim findet er den Exotenwald und in Bensheim an der Bergstraße das Fürstenlager und in Heppenheim das alte Haus, in dem die Vorfahren der Fürstin Gracia Patricia lebten, ehe sie in den Staaten zu den Kellys wurden. Es gibt die Pfalz mit der Weinstraße, das große laß zu Bad Dürkheim, in dem es sich anmutiger zechen läßt als im Hofbräuhaus, die Stille der Eifel mit den Düsenjägern aus den USA und Triers römischen Porta-Nigra-Stolz. Das Aber.dland ist mächtig geblieben in diesem kleingewordenen Deutschland von 1960, und die Dichter haben ihre Gedenktafeln, die Denker ihre Burgverliese und Lehrstühle noch immer.

Auch auf eigene Art wohlschmeckend zu kochen verstehen die Deutschen noch immer, trotz der internationalen Küche, die sich breitmacht, weil man so gern alles aufnimmt, was von draußen kommt. Es gibt noch die Nürnberger Bratwürste, die Regensburger Weißwürste an der uralten Donaubrücke in der verräucherten Schenke. Es gibt noch immer den Moselaal und die Forelle zu Bernkastel, auch wenn die Steaks auf den Rheindampfern zu wünschen übrig lassen. Das gute, graue Brot im Odenwald schmeckt ebenso kräftig wie der Kuchen in Düsseldorf oder Frankfurt (aber den besten Kuchen Deutschlands gab es in Dresden, und das liegt hinter dem Zaun).

Man kann mit der mächtigen Flotte von Autobussen in zwei Tagen Rhein und Mosel besuchen, in einem Tag die deutschen Alpen, in einem halben Tage Bodensee und Schwarzwald. Man findet in den Dörfern Deutsche aller Stämme, zusammengeführt durch den letzten großen Krieg und seine Austreibungen, so daß man gar nicht mehr nötig hat, alle Länder zu durcheilen. Man kann im Kölner Dom knien oder im Regensburger Rathaus den Kaisersaal betreten, in dem der alte Deutsche Reichstag sich versammelte. Und Nürnbergs Burg wird auch wieder aufgebaut, es fehlt noch der Kemenatenflügel, aber die Doppelkapelle ist herrlich wie das Mausoleum in Ravenna, und die Ritterrüstungen sind schwer wie zu jenen Zeiten, da man sie nach USA ausführte, um die Hallen der Millionäre zu schmücken. Und Burgen gibt es über 1200 noch in diesem Restdeutschland, davon sind immer noch einige zu vermieten oder zu verkaufen, und sie sind schön wie eh und je – für Coca Cola ist dort immer gesorgt.

Wer wissen möchte, wie tüchtig und tapfer und mächtig diese alten Deutschen einst waren und wie sie für sich und Europa und die Welt dachten, dichteten, planten, bauten und beteten, der findet alles wieder an seinem Ort, selbst Griechenlands Tempel braucht man nicht zu bemühen, denn wir haben über Regensburg die Walhalla Denn Deutschland ist abseits von Münchens Knödel und Bier ein Museum unter Gottes Himmel, eine Rüstkammer für Menschen des Stahlbetonzeitalten, deren Leben so durstig und kompliziert geworden ist, daß sie sich nach Einfalt und stiller Größe sehnen. Im Rosenhag eines Dorfgartens ist dies ebenso zu finden wie im Prunkpark von Schwetzingen, und die Hotellerie, in die man müde einkehrt, führt alles, was man nicht entbehren kann, obwohl es besser ist, sich so zu nähren, wie es das Land will.

Deutschland für Amerikaner

Ruinen sind kostbar geworden in diesem 1960er Deutschland – vielleicht zeigt man dem Touristen die Brücke über den Regen vor Cham, wo "Die Brücke", Deutschlands bester Film aus jenen Tagen, gedreht wurde. Oder man zeigt Photos von Städten, die vernichtet schienen wie Karthago und die heute wieder mit. alten und neuen Bauten in den Himmel wachsen, als sei alles ein böser Traum gewesen.

Zu empfehlen: Schützenfest

Wer dem Hitlerreich begegnen will, findet es in Nürnberg, dessen Stadtväter noch immer unter dem Alptraum des Zeppelinfeldes leiden. Aber dort ist zwar nicht Hitlers Geist, doch sein Größenwahn zu besichtigen, und man sollte ihn nicht entfernen. Wer den Deutschen erleben will, wie er sich noch jenseits der Television amüsiert, der versäume kein Schützenfest mit dem herrlichen Spießbürgerleben, das dort geträumt wird. Denn die Deutschen verfügen heute in ihrem kleinen Lande über mehr Schildbürger als je zuvor – wer möchte nicht unter ihnen weilen, denn sie verkörpern ein beruhigendes Element in dieser ungewissen, eiligen Zeit. Besuchen sollte man sie, die guten Bundesgenossen. Sie sind es wert.

Zwei Drittel seiner Küste hat dieses Deutschland verloren, das es anzusehen gilt, aber es gibt noch das Wattenmeerlaufen Ostfrieslands und die großen Nackedei-Reservoire auf Sylt. Es gibt noch ein bißchen Ostsee, wenn auch Wernher von Brauns Peenemünde passé ist. Es gibt noch Schleswig-Holsteins Storchendörfer und die Lüneburger Heide, sofern sie kein Panzerübungsplatz wurde.

Oder Hamburgs St. Pauli – aber wer möchte das sehen?

Motels findet man nicht oft, aber es gibt sie und sie lassen sich lieben, wenn man nicht in die alten Gasthöfe einkehrt, deren Betten Generationen von Handelsvertretern und Soldaten (und Auswanderer nach USA!) aufgenommen haben. Der Deutsche ist in den Großstädten vielleicht Pseudo-Amerikaner geworden, aber abseits davon ragt oft noch das Mittelalter in unsere Zeit. Schlösser und Parks ohne Zahl sind zu besichtigen, etwa die Wasserburgen im Münsterland. Dem reisenden Ritter aus Texas stehen Autovermietungen zur Verfügung, Wagen mit und ohne Chauffeur. Wer sich an der Autobahn wandernde Mädchen aufliest, kann mit ihnen englisch sprechen, das lernt man hierzulande in der Grundschule. Man kann die TIME und die "New York Herald Tribune" in jedem kleinen Nest kaufen, aber auch Souvenirs, die nicht alle scheußlich sind.

Langspielplatten und Marzipan

Deutschland für Amerikaner

Wie aber steht es mit den Souvenirs, die man mitnehmen sollte? Autos, Photoapparate – wer spricht davon. Aber: Bachs Hohe Messe, in der Dresdner Kreuzkirche aufgenommen, oder den Rosenkavalier von Richard Strauß aus der Dresdner Oper. Langspielplatten mit den Stimmen von Thomas Mann und Benn und Gründgens. Wein aus dem Frankenland, vom Rhein, von der Mosel und Lübecker Marzipan, Münchner Bierseidel und den Kuß einer Weinkönigin oder ihrer Stellvertreterin. Den Blick von einer Burg und den Abend beim Dämmerschoppen bei Braunschweiger Bier oder Kulmbacher. Das Gefühl, daß diese Deutschen so recht von Rothenburg ob der Tauber bis Hameln ihre kostbare, verschüttete mittelalterliche Geschichte wieder hervorgekramt haben, um sie den Touristen vorzuweisen wie eine Bitte, ihnen zu glauben, daß sie gute Menschen seien. Man kaufe sich die Regensburger Domspatzen in der Diskothek zu Bonn und eine Posaune, auf der man in den Staaten hervorblasen kann die kostbare, köstliche, teure Zeit in Old Germany, das sich so frisch herausgeputzt hat, als wäre es gerade erst erfunden worden.

Man kann dieses kleine Deutschland rasch wieder verlassen; überall ist die Grenze nahe, und Berlin ist nicht weit, wohin zu fliegen sehr empfohlen werden kann. Der amerikanische Tourist wird dort unter anderem das Berliner Hilton finden und den Potsdamer Platz und die Straße des 17. Juni, Schlösser von höchster Schönheit und die ehemalige Kadettenkaserne in Lichterfelde, in der jetzt die US-Army wohnt. Dort findet er in den Unterhaltungsräumen einen Spruch, in dem es heißt, jeder amerikanische Soldat in Berlin müsse bereit sein, tapfer zu kämpfen, um der USA und Berlins Freiheit mit seinem Leben zu verteidigen, wenn es notwendig ist. Wenn diese Freiheit nur aus Münchner Knödel und Oktoberfest bestehen würde – lohnte es sich dann? Welch ein Duell mit diesem Lande steht dem amerikanischen Touristen bevor, wenn er einreist. Deutschland unterliegt gern, wenn es den Sieger gewinnt.

Pauschal durch Frankreich

Die französischen Eisenbahnen haben eine Anzahl von mehrtägigen Pauschalreisen durch Frankreich ausgearbeitet, die in verschiedenen Orten des Landes beginnen. Zu den Zielen gehören unter anderen die Loire-Schlösser, Normandie und Bretagne, die Pyrenäen und die Côte d’Azur (Deutsches Büro: Frankfurt/M., Mainzer Landstr. 48).