Ruinen sind kostbar geworden in diesem 1960er Deutschland – vielleicht zeigt man dem Touristen die Brücke über den Regen vor Cham, wo "Die Brücke", Deutschlands bester Film aus jenen Tagen, gedreht wurde. Oder man zeigt Photos von Städten, die vernichtet schienen wie Karthago und die heute wieder mit. alten und neuen Bauten in den Himmel wachsen, als sei alles ein böser Traum gewesen.

Zu empfehlen: Schützenfest

Wer dem Hitlerreich begegnen will, findet es in Nürnberg, dessen Stadtväter noch immer unter dem Alptraum des Zeppelinfeldes leiden. Aber dort ist zwar nicht Hitlers Geist, doch sein Größenwahn zu besichtigen, und man sollte ihn nicht entfernen. Wer den Deutschen erleben will, wie er sich noch jenseits der Television amüsiert, der versäume kein Schützenfest mit dem herrlichen Spießbürgerleben, das dort geträumt wird. Denn die Deutschen verfügen heute in ihrem kleinen Lande über mehr Schildbürger als je zuvor – wer möchte nicht unter ihnen weilen, denn sie verkörpern ein beruhigendes Element in dieser ungewissen, eiligen Zeit. Besuchen sollte man sie, die guten Bundesgenossen. Sie sind es wert.

Zwei Drittel seiner Küste hat dieses Deutschland verloren, das es anzusehen gilt, aber es gibt noch das Wattenmeerlaufen Ostfrieslands und die großen Nackedei-Reservoire auf Sylt. Es gibt noch ein bißchen Ostsee, wenn auch Wernher von Brauns Peenemünde passé ist. Es gibt noch Schleswig-Holsteins Storchendörfer und die Lüneburger Heide, sofern sie kein Panzerübungsplatz wurde.

Oder Hamburgs St. Pauli – aber wer möchte das sehen?

Motels findet man nicht oft, aber es gibt sie und sie lassen sich lieben, wenn man nicht in die alten Gasthöfe einkehrt, deren Betten Generationen von Handelsvertretern und Soldaten (und Auswanderer nach USA!) aufgenommen haben. Der Deutsche ist in den Großstädten vielleicht Pseudo-Amerikaner geworden, aber abseits davon ragt oft noch das Mittelalter in unsere Zeit. Schlösser und Parks ohne Zahl sind zu besichtigen, etwa die Wasserburgen im Münsterland. Dem reisenden Ritter aus Texas stehen Autovermietungen zur Verfügung, Wagen mit und ohne Chauffeur. Wer sich an der Autobahn wandernde Mädchen aufliest, kann mit ihnen englisch sprechen, das lernt man hierzulande in der Grundschule. Man kann die TIME und die "New York Herald Tribune" in jedem kleinen Nest kaufen, aber auch Souvenirs, die nicht alle scheußlich sind.

Langspielplatten und Marzipan