Von Günter Blöcker

Immer wieder entzückt es, auf eine im Kern unbeschädigte Literatur zu blicken wie die italienische. Der Prozeß der Entindividualisierung blieb hier im buchstäblichen Sinne gegenstandslos: der lateinische Individualismus erwies sich als stärker. Ebenso wie der lateinische Wirklichkeitssinn sich kräftig genug zeigte, dem fressenden Übel eines allgemeinen Realitätsschwundes standzuhalten. Beides kommt den traditionellen Erzählerformen zugute, die sich in Italien besser konserviert haben als irgendwo sonst.

Insbesondere gilt das von der Novelle, deren klassisches Land Italien ist. Der Optik des Südens entsprechend, hat sich hier von Basile bis Verga, von Boccaccio bis Pirandello und weiter bis zu dem Moravia der "Racconti Romani" eine Tradition herausgebildet und lebendig erhalten, die dem scharf belichteten Einzelfall den Vorzug gibt vor der auf Lebensbreite zielenden Erzählweise des, Romans.

Auch der Kurzroman des Sizilianers Elio Vittorini: "Die Garibaldina", deutsch von Eckart Peterich; Walter-Verlag, Olten und Freiburg i. Br.; 162 S., 9,80 DM

hat Novellencharakter. Doch das Kahle, bisweilen Abstrakte der Novelle ist hier modifiziert durch eine lyrische Intensität des Sehens und der sprachlichen Verifizierung, die ganz Vittorinis Eigentum ist und die ihm seine einzigartige Stellung innerhalb der italienischen und nicht nur der italienischen Literatur von heute zuweist. Auch bei Vittorini drängt das ungeschmälerte Interesse am menschlichen Einzelwesen zum "Fall". Aber der Fall als solcher würde – nur berichtet – kaum ausreichen, alle Kräfte heiterer und gerührter Teilnahme in solchem Maße zu mobilisieren, wie es tatsächlich geschieht.

Was geht vor? Ein kleiner Soldat hat ein paar Tage Urlaub und will in sein Heimatdorf fahren. Statt in den überfüllten Personenzug gerät er in die Polsterklasse eines Sonderzuges, und als man ihn hinaussetzen will, findet er in einer wunderlichen alten Dame eine resolute Beschützerin. Wer die alte Dame wirklich ist, bleibt die wenig in der Schwebe geheimnisträchtiger Andeutungen. Jedenfalls ist sie ein lebendiges Relikt aus Italiens heroischer Zeit: die "Garibaldina". Sie findet Gefallen an dem jungen Mann, der fast noch ein Kind ist, beschließt, sein Glück zu machen, und tut es.

Das ist wenig. Aber dieses Wenige gedeiht unter der Hand des Dichters zu lauterstem Entzücken. Wenn es der Sinn des Schöpferischen ist, das Gesetz eines beliebigen Vorfalls ins Unendliche zu steigern, ohne je auch nur einen Zoll breit von der Faktizjtät des Vorfalls abzuweichen, dann ist dieser Sinn hier erfüllt. Eine Episode wird mit kunstreicher Liebe zum Blühen gebracht und entfaltet sich zu einer kompletten, vollkommen in sich geschlossenen Welt.