In Afrika herrscht Argwohn nicht nur gegen den "weißen" Imperialismus

Vor ein paar Tagen besuchte ein südafrikanischer Großindustrieller unsere Redaktion. Sein Kommentar zu den Ereignissen im Kongo: "Nun wird es den Leuten außerhalb Afrikas wohl endlich wie Schuppen von den Augen fallen." Für ihn war das, was im Kongo geschieht, eine Bestätigung dafür, daß es ein Unsinn sei, den Afrikanern die vollständige Unabhängigkeit zu geben und sie sich selbst zu überlassen.

Ein junger ägyptischer Journalist und alter Bekannter, der zufällig am gleichen Tage vorsprach, meinte zum Thema Kongo: "Nun werden die Leute hoffentlich endlich einsehen; wie kurzsichtig es ist, nicht genug für die technische Schulung und politische Ausbildung einer Führungsschicht in diesen Ländern zu tun, denn das muß doch jeder einsehen, die Stunde der Unabhängigkeit schlägt über kurz oder lang allen." Und wenn man weiß, daß in diesem Jahr 16 Staaten in Afrika selbständig werden, wird man ihm hierin kaum widersprechen können. "Die Engländer", so fügte er hinzu, "haben das Gott sei Dank frühzeitig erkannt."

Lumumba ist allen verdächtig

Übrigens – dies nur nebenbei – hatte er gerade einen Teil der ägyptischen Studenten und Techniker besucht, die zur Ausbildung in der Bundesrepublik sind, und er berichtete, daß es zur Zeit 4000 an der Zahl sind (von insgesamt 6000, die außerhalb Ägyptens ausgebildet werden): ein erfreulicher Beitrag unseres Landes zum Thema Entwicklungshilfe. In der DDR, so sagte er, studieren nur 123 und alle auf Stipendium der dortigen Regierung – auch dies nur nebenbei.

In diesem Monat wurden acht einstmals französische Republiken unabhängig, und in diesen Wochen werden 13 afrikanische Staaten zur UN zugelassen. 1960, das Jahr Afrikas, schrieb die ZEIT, an der Jahreswende. In der Tat beansprucht seit Wochen die Afrika-Berichterstattung die Hälfte der Rundfunknachrichten und der Zeitungskommentare.

Lumumba hält die Welt in Atem mit seinen Wahnsinnstaten und läßt viele vergessen, daß dieser Mann keineswegs typisch ist für die afrikanischen Führer, vielmehr von diesen mit größtem Argwohn und Mißfallen betrachtet wird. In der letzten Tagung des Sicherheitsrates der UN am vergangenen Sonntag distanzierte sich Mogi Slim, der Sprecher der afrikanischen Gruppe, sehr betont von Lumumbas Verhalten. Der Präsident von Liberia, Tubman, sagte in einer Presse-Konferenz in Monrovia, ihn habe "geschaudert", als er erfuhr, daß Lumumba Hammarskjöld sein Vertrauen entzogen habe. Und der Observer berichtet aus New York: "Selbst Delegierte aus Guinea beklagen sich über die kommunistische Phraseologie der kongolesischen Delegation, und die Ghanesen sprechen von den Agenten Moskaus, die Lumumbas Reden entwerfen."