EWE., Berlin

Eine Nachmittagsfahrt von Berlin nach Potsdam, dort auf der Terrasse des Palast-Hotels sitzen und beim Kaffee nachdenklich auf die Havel und die Freundschaftsinsel blicken oder im berühmten Klosterkeller sich erlesenen Gaumengenüssen hingeben – einst war es etwas Alltägliches. Heute ist es einfacher, von Berlin nach Honolulu zu fliegen; seitdem Pankow die Zonengrenze errichtete, liegt Potsdam von Berlin so weit entfernt wie Peking.

Aus unerfindlichen Gründen, wie so manchmal bei der SED, hat Pankow kürzlich den von braununiformierten Volkspolizisten bewachten Drahtzaun für ein paar Wochen geöffnet. Wer bereit war, zehn Westmark für die Fahrt mit dem Omnibus, für die Führung durch Sanssouci und das Neue Palais zu zahlen, wer außerdem seine Westmark im Verhältnis eins zu eins gegen Ostmark tauschte, konnte für acht Stunden nach Potsdam fahren.

Aber nicht wie einst, mit der S-Bahn (Polsterklasse oder Holz) oder etwa gar mit dem eigenen Wagen über die "Reichsstraße 1" – so weit ging Pankows Entgegenkommen wiederum nicht. Der sowjetzonale Kontrollpunkt Dreilinden auf der Autobahn war das einzige Schlupfloch nach Potsdam. In Dreilinden übernahmen Beauftragte des Rates der Stadt Potsdam die Führung der Reisegesellschaft, die sich zusammengefunden hatte, um eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. Doch die Vergangenheit, die sie zu finden hofften, existiert nicht mehr; Potsdam ist nicht mehr Potsdam.

Einst begann Potsdam bei der Langen Brücke über die Havel. Hier beginnt heute das Elend, das jeden Liebhaber Potsdams befallen muß. Die Lange Brücke gibt es nicht mehr. Verschwunden sind die übermannshohen brandenburgisch-preußischen Grenadiere, und geblieben ist nur ein Brückenrest, zum Abriß bestimmt, wenn links daneben eine neue Brücke fertig ist – "die erste der DDR in Spannbeton", wie der Führer voll Stolz anmerkt. Diese neue Brücke lieferte den Vorwand für den Abriß der am 14. April 1945 durch Bomben beschädigten Winterresidenz Friedrichs des Großen. Jetzt heben Greifbagger die letzten Ziegelsteinbrocken auf zerschrammte Lastwagen. Preußisch Potsdam? Weg damit.

Das Palast-Hotel an der anderen Straßenseite, das anschließende Palais Barberina an der Havel – verschwunden. Der ehemals eng geschlossene Alte Markt ist eine freie und wüste Fläche. Die Nikolaikirche mit Schinkels Kuppel ist nur ein zerschundener Torso; immerhin wird daran gearbeitet. Das einst so heitere Knobelsdorf sehe Palais ist eine schaurige Fassade und vom barocken Alten Rathaus ist sogar die Vorderfront zur Hälfte zerstört. Die Trümmer, die der Bombenangriff vom 14. April hinterließ, verfallen.

Wie schön, daß das Holländische Viertel mit seinen an Delft erinnernden Häusern erhalten ist. Friedrich Wilhelm I. ließ es für holländische Siedler und Handwerker anlegen. Unser Führer weiß es anders: "Das Holländische Viertel wurde errichtet von Friedrich Wilhelm I., als damals die Hugenotten nach Potsdam eingeführt wurden." Tableau. Später, vor dem ehemaligen Ufa-Gelände, gibt er folgende Erläuterung: "Meine Damen und Herren, vierte Freunde! Rechts hinter dem markanten Zaun erkennen Sie in den Kolonnen der Kiefern einige Wohnblocks, die die DEFA für ihre Werktätigen aus dem Walde errichtet hat." Und beim Wildpark weiß er zu sagen: "Er diente früher den preußischen Königen. Heute ist er der Öffentlichkeit zugänglich und bietet in dieser Form dem Besucher keine Widerstände."