I. Grundgedanken – Der Bismarckstaat ruhte auf dein Prinzip: erst Einheit, dann Freiheit

Selten noch hat eine Fernsehsendung so viel Empörung ausgelöst wie das Interview Thilo Kochs mit Professor Karl Jaspers, der als Beispiel für die von ihm geforderte Selbstbesinnung erklärte: "Freiheit hat den Vorrang vor der Wiedervereinigung, die, gemessen an dem Gut der Freiheit gleichgültig ist" Professor Jaspers beschloß daraufhin, seine Gedanken zur deutschen Frage in einer Reihe von Artikeln darzulegen, die wir, beginnend mit dieser Nummer, veröffentlichen werden. Er schrieb uns: "Seit Jahren habe ich mir die Frage, was aus Ostdeutschland werden könne, in vielen Abwandlungen beantwortet. Meinen Leser bitte ich, mit seinem Urteil zu warten, bis er diese Aufsätze insgesamt durchdacht hat. Ich bin nicht im Besitze der Wahrheit, sondern biete zur Prüfung an, was bedacht werden möge, und spreche allein aus eigener Verantwortung."

In den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wuchs die deutsche politische Bewegung, die im Frankfurter Parlament ihren großartigen geistigen Gipfel hatte. Die Motive dieser Bewegung waren nicht einheitlich. Die entscheidenden waren zwei: die politische Freiheit aller deutschen Staaten und die territoriale Einheit ("von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt").

Jacob Burckhardt, der um 1840 in Deutschland studierte, an der Bewegung mit seinem Herzen beteiligt war (sogar in Berlin in den polizeilichen Listen als Verdächtiger geführt wurde), konnte damals in einem Brief schreiben: "Meine Lebensaufgabe sehe ich darin, den Schweizern zu zeigen, daß sie Deutsche sind." Dabei leitete ihn die selbstverständliche Voraussetzung, daß die Freiheitsbewegung auf eine große konföderative deutsche Einheit gehe. Erst die Freiheit, dann diese konföderative Einheit. Aber längst vor 1848 sah er, daß die faktischen Kräfte den umgekehrten Weg gingen: erst die Einheit (das heißt Macht), dann die Freiheit (das heißt politische Würde). Er trennte sich völlig und hat nie im Leben jenes merkwürdige Briefwort wiederholt.

Durch "Blut und Eisen"

Dieser andere Weg ging sinngemäß über die Gewalt, durch "Blut und Eisen" zur Einheit. Die politische Freiheit wurde nicht erreicht, sondern erst im Kollaps 1918 errichtet als formale Institution, die in der Ohnmacht helfen sollte. Sie entsprang nicht dem kraftvollen opferbereiten Willen zur politischen Freiheit, deren Wesen auch damals nur von wenigen Deutschen begriffen wurde.

Seit 1866 wurde der Weg zur Einheit und Macht durch Gewalt auch von der Mehrzahl der deutschen Liberalen mit Begeisterung begrüßt. Da in jenem Zeitalter der Rechtsstaat und die persönliche Freiheit weitgehend wirklich waren, merkten die meisten nicht, daß die politische Freiheit keineswegs errungen war. Ein Scheinkonstitutionalismus täuschte sie vor. Die wirkliche Teilnahme der gewählten Volksvertreter an der politischen Verantwortung blieb unmöglich. Daher konnte eine Schicht in der politischen Praxis erzogener Staatsmänner sich nicht entwickeln. Aber noch war die Chance der Freiheit nicht verloren, wenn die Deutschen einsahen, was sie ist, sie wollten und um sie kämpften.