Noch steht es nicht fest, wann die im Bundesbesitz befindliche Vereinigte Industrie-Unternehmungen AG (Viag) die Reise in die Privatisierung antreten wird. Sicher aber steht diese gut assortierte Gruppe von stromerzeugenden und stromverbrauchenden Unternehmen auf der Veräußerungsliste des Bundesschatzministers. Und fest steht außerdem, daß den privaten Sparern, die sich einmal an der Viag beteiligen dürfen, ein fetter Brocken winkt. Die Viag, die als Holding eine Reihe von Unternehmen der Stromwirtschaft und einer darauf basierenden Elektrochemie (Aluminium- und Kalkstickstofferzeugung) kontrolliert und außerdem u. a. eine wertvolle Beteiligung an der Ilseder Hütte und an der Ilse-Bergbau AG besitzt, hat beträchtliche Substanz- und Ertragswerte zu bieten.

Die rund 410 Mill. DM Beteiligungen, die in der Holding-Bilanz ausgewiesen werden, repräsentieren bei einem Grundkapital der Viag von 200 Mill. DM einen ansehnlichen absoluten Wert, und die darin enthaltenen stillen Reserven sind auch nicht zu verachten.

Wie das Vorstandsmitglied Dr. Wilhelm Bächle zum Jahresabschluß 1959 bekanntgab, beträgt der im Beteiligungsportefeuille der Holding angesetzte Buchwert der bedeutendsten Tochtergesellschaft – der Vereinigte Aluminiumwerke AG (VAW) – 125 Mill. DM bei einem Nominalkapital von 100 Mill. DM. Die Innwerk AG steht bei der Viag mit 115 Mill. DM – bei ‚90 Mill. DM nominal – und die Elektrowerke A G mit 19 bei 30 nominal– Mill. DM zu Buch. Die 40 vH Beteiligung an der Bayernwerk AG (Kapital 150 Mill. DM) ist in der Viag-Bilanz mit 67,8 Mill. DM enthalten, und die Schachtelbeteiligung an der Ilseder Hütte wird sogar mit ihrem Nominalwert, d. s. 38 Mill. DM, geführt. In der konsolidierten Bilanz beträgt das Anlagevermögen 680 (656) Mill. DM. Die wirtschaftliche Bedeutung dieses größten bundeseigenen Konzerns wird durch eine Aufstellung im Geschäftsbericht erläutert, aus der hervorgeht, daß die Viag-Gruppe etwa 72 vH der deutschen Aluminiumerzeugung und 66 vH der Kalkstickstoffproduktion kontrolliert. Bei der Stromerzeugung aus Wasserkraft beträgt der Marktanteil der Gruppe knapp 35 vH und bei der Braunkohle 10 vH.

Die Viag-Gruppe erfreut sich einer insgesamt ausgewogenen Struktur. Nicht zuletzt deswegen legt der Vorstand auch Wert auf die Feststellung, daß ein Ausverkauf einzelner Beteiligungsgesellschaften strikt abzulehnen sei, da der wesentliche Vorteil dieser Gruppe gerade auf ihrer sinnvollen Verbundstruktur beruhe. Der Konzern wird also, wenn es nach Wunsch und Willen der Verwaltung geht – und es sieht bisher jedenfalls nicht so aus, als würde ein anderer Weg eingeschlagen werden, auch als privatisiertes oder teilprivatisiertes Unternehmen ein geschlossenes Ganzes bleiben. Im übrigen aber – so betonte Vorstandsmitglied Dr. Karl Röhrs in der Pressekonferenz – bestehen bei dem Unternehmen selbst "keinerlei weltanschauliche Hemmungen", den Fiskus als einzigen Aktionär gegen viele private einzutauschen. Für die Unternehmensführung wird eine mögliche Verwirklichung der Privatisierung auch keine Änderungen bringen; denn die Viag wird bewußt nach rein privatwirtschaftlichen Grundsätzen geleitet.

Vor einer möglichen Privatisierung wird aber noch eine Kapitalberichtigung im Viag-Bereich aktuell werden. Das Kapital der Holding, das z. Z. noch 200 Mill. DM – davon 190 Mill. DM eingezahlt – ausmacht, wird vermutlich in nächster Zeit aus Gesellschaftsmitteln aufgestockt. Darüber sind zwar, wie zu hören ist, noch keine konkreten Beschlüsse gefaßt worden, aber dieser Schritt kann – nicht zuletzt auch im Hinblick auf die gut dotierten Rücklagen – so gut wie sicher erwartet werden. Möglicherweise wird die Kapitalerhöhung in mehreren Etappen durchgeführt werden. Sie dürfte insgesamt bei 100 Mill. DM liegen, so daß das Viag-Kapital nach der Berichtigung aus Gesellschaftsmitteln 300 Mill. DM erreichen wird.

Die Viag-Verwaltung hat bei der Bemessung des künftigen Kapitals selbstverständlich auch die Entwicklung der Ertragsaussichten bei den Töchtern im Auge. Dies vielleicht um so mehr, als private Aktionäre möglicherweise einmal unbequemere Dividendenempfänger sein könnten als der Bund. Allerdings hat auch der Fiskus als Aktionär nicht unbedingt schlecht abgeschnitten in den letzten Jahren. Für das Geschäftsjahr 1959/60 (31. März) zählt die Viag ihrem Alleinaktionär 10 (9) vH. Damit hat der Bund seit der Dividendenaufnahme 1952/53 runde 100 Mill. DM erhalten. Die Ausschüttungssätze sind kontinuierlich um jährlich 1 vH erhöht worden. Nmn.