Von W. Ebert

Wenn ich an unsere Jugend denke, werde ich ganz nervös, und ich verbringe ihretwegen schlaflose Nächte. Offenbar habe ich an zu vielen Diskussionen über Probleme unserer heutigen Jugend teilgenommen, zuviel in Zeitungen darüber gelesen und am Radio gehört, bin ich zu oft vom Fernsehen damit vertraut gemacht worden.

Das ist nicht ohne Folgen geblieben. Oft ertappe ich mich dabei, wie ich junge Menschen auf der Straße oder in Espresso-Bars – soziologisch gesehen ihren Lieblingstummelplätzen – verstohlen mustere, um zu ergründen, was sich hinter ihren verschlossenen, abweisenden Gesichtern verbirgt.

Sie sind ja für uns Ältere so ein großes, unerschließbares Geheimnis. Ihnen dieses Geheimnis im Gespräch zu entlocken, wage ich gar nicht. Ich kann mir vorstellen, daß sie von den vielen Befragungen etwas erschöpft sind und es überhaupt nicht gern haben, wenn man ihnen auf die Schliche kommen will. Schließlich hat sich diese Jugend in mühevoller Arbeit den Ruf erworben, undurchsichtig, skeptisch und wortkarg zu sein. So was verpflichtet.

Sie will aber nicht nur von uns allein gelassen werden, diese Jugend. Sie sehnt sich andererseits – das macht ihren Fall noch komplizierter – heimlich nach Führung. Vor allem soll sie an einem bedenklichen Mangel an Leitbildern leiden.

Erschwerend kommt hinzu, daß sie von der älteren Generation enttäuscht wurde, weil diese so versagt hat. Darum ist sie uns gegenüber von einem instinktiven Mißtrauen erfüllt.

Das Mißtrauen beruht aber leider auf Gegenseitigkeit, denn diese Jugend ist ganz anders, als wir unsere eigene Jugend in Erinnerung haben. Nach dem, was unsere Soziologen in differenziertester Kleinarbeit ausgekundschaftet haben, ist sie obendrein oberflächlich, weil sie sich vorwiegend mit Rock’n Roll und Automarken beschäftigt, und materialistisch, weil sie so schrecklich nüchternsachlich am Gelderwerb interessiert ist, was doch erst in späteren Jahren als normal gilt.