Eine Filmpremiere, wie sie München am letzten Wochenende sah, wird es selten geben. Wann kommt es schon vor, daß ein lebender Mensch – und nicht einmal ein berühmter Künstler oder ein „Geschichte machender“ Diktator, sondern ein Mann der wissenschaftlichen Forschung –, zum Helden eines abendfüllenden Films erwählt wird? Wie oft geschieht es schon, daß ein repräsentatives Gremium von namhaften Gelehrten zugleich mit Staatsmännern, hohen Militärs und Vertretern der Kunstwelt dem also Gefeierten und den ihn feiernden Film als Ehrengäste die Honneurs machen? Und wo wird man es schon einmal so wie hier erlebt haben, daß die äußeren Umstände eines solchen Ereignisses gleichsam lebendige Illustrationen zu den Hauptpointen des Filmstoffs darboten? Das aber war genau der Fall beim Start des Columbia-Films „Wernher von Braun (Ich greife nach den Sternen)“ im Mathäser-Filmpalast am Münchener Stachus. Dieses Stück gefilmter Biographie soll doch dazu beitragen, das Verständnis der Öffentlichkeit zu steigern nicht allein für Sinn, Zweck und Ziel, für Glanz und Elend des Forscherlebens im allgemeinen, den Anbruch des Raketenzeitalters im besonderen, sondern auch, und nicht zuletzt, für die Idealität der wissenschaftlichen Arbeit als einer Leistung jenseits von Gut und Böse, einer Tat des Friedenswillens, auch wenn sie Förderung eigentlich immer nur für militärische Zwecke erfährt. Und so war es denn durchaus stilvoll, daß dem Aufgebot von Geistes-, Staats- und Militärprominenz innen die Empfangsmusik einer amerikanischen Armeeblaskapelle und auf der Straße der Anblick drohend gen Himmel gereckter Originalraketen vom Typ „Honest John“, „Gorporal“ und „Mike Herkules“ entsprach, begleitet von mehr oder minder lauten Protesten demonstrierender Kriegsdienstgegner.

Um nun von dem Film zu reden: das Beste an ihm ist seine Objektivität hinsichtlich eben jener Doppeldeutigkeit, die der modernen Forschung, dem wissenschaftlichen Wettrennen um die „Eroberung des Weltraums“ und der ständigen Ausbeutung dieser Konkurrenz für militärische Zwecke nun einmal anhaftet. Zumal sofern man nicht gewillt ist, die Naivität, wenn nicht den Willen zur Selbsttäuschung zu überhören, der aus dem pathetischen Schlußsatz spricht, kann man nicht sagen, der Film gebe der Einstellung des Wissenschaftlers Recht gegenüber den Einwendungen des humanen Moralisten, den hier der amerikanische Major Taggert vertritt. Jener Schlußsatz lautet: Wird die Erde erst von bemannten Satelliten umkreist, dann können die Waffenarsenale in den Ozean versenkt werden, und die Jugend der Welt wird größere, neue Aufgaben in der Erschließung des Universums finden. Ein jahrtausendealter Traum der Menschheit geht in Erfüllung. Man möchte sagen: der Film endet zwar mit dem Triumph der technischen Berechnungen, aber dennoch mit einem Rechenfehler.

Besagter Major Taggert ist es, der alle solche Rechenfehler der Wissenschaft auf Kosten der Menschlichkeit, Rechnungen auf erträumte Zukunft ohne befriedigende – menschliche – Meisterung der Gegenwart mit scharfer Logik aufdeckt. Aus ihm spricht keineswegs, wie der Gelehrte meint, nur unversöhnlicher Haß, sondern vor allem: viel unbestochener Realismus. Für Taggert ist der Lebenslauf eines Braun, der als Hitlergegner zähneknirschend Hitlers Wunderwaffen baut, als friedliebender „immer nur Wissenschaftler“ die todbringenden „V 2“ nach London schießt und dann in Amerika noch einmal dieselbe Widersprüchlichkeit des Wollens und Müssens auf sich nimmt, absolut unverständlich. Für Braun ist diese Widersprüchlichkeit, nachdem er ihre Unumgänglichkeit begriffen hat, einfach: Forscherschicksal, das er als solches bejaht. Ihn bindet nichts als allein immer wieder nur die Forschung. „Mein Platz ist dort, wo sich Technik und Fortschritt entwickeln.“ Und eben, wo der „Fortschritt“ in Frage gestellt oder gefährdet scheint, hören die Bedenken der Menschlichkeit auf, bestimmende Kraft zu haben. An den Schlußsatz muß man glauben können. Wer’s nicht kann, dem bleibt ein fader Geschmack zurück...

Als Kunstwerk dürfte der Film kaum anzusprechen sein, höchstens als dramatisierter und bisweilen wohl auch ein wenig frisierter Tatsachenbericht, untermischt mit einigen episodischen Lyrismen und polemischen Dialogen. Ich hätte gai zu gern gewußt, wie es Wernher von Braun gefallen haben mag, sich selbst in Großaufnahme in einer Liebesszene im Ehebett öffentlich präsentiert zu sehen, wennschon stellvertretend durch Curd Jürgens, der sein Möglichstes tat, das himmelstürmende Raketengenie, seine Prüfungen und sehen Sieg der Teilnahme seiner Verehrer zu empfehlen. James Daly (Taggert) war sein überzeugender Gegenspieler, Victoria Shaw seine Frau, die ihm, weniger überzeugend, mit ihren menschlichen Hemmungen besagtes Schlußwort entlockt, und Gia Scala, eine glaubwürdige Spionin. J. Lee Thompsons Regie verstand es jedenfalls, dem an sich nicht übermäßig abwechslungsvollen Bildbericht eine Reihe spannender Momente abzugewinnen und was den Aufnahmen vielfach notgedrungen an optischem Reiz mangeln mußte, durch einen entsprechenden Aufwand an akustischen Requisiten zu ersetzen. A-th