AdF, Rom, Mitte August

Nach der innenpolitischen Krise von Ende Februar bis Ende Juli, während der Italien eine Statistenrolle auf der europäischen Bühne spielen mußte, hat es sich jetzt sehr aktiv in die Erwägungen über eine Neuordnung der westlichen Zusammenarbeit eingeschaltet.

Dem Besuch des britischen Lordsiegelbewahrers Heath in Rom, der den Italienern Macmillans Ansicht darlegte, ging ein Meinungsaustausch zwischen Außenminister Segni und seinem holländischen Kollegen Luns in Venedig voraus. Bevor Ministerpräsident Fanfani und Segni auf dem Weg nach Paris zu de Gaulle sich am 2. September im norditalienischen Städtchen Varese mit Bundeskanzler Adenauer treffen, soll der belgische Außenminister sie noch in Rom besuchen.

Der Standpunkt der römischen Regierung ist einstweilen verschwommen, was bei den vagen Vermutungen über den Inhalt der französischdeutschen und deutsch-britischen Gespräche nicht anders sein kann. Doch sind die Leitgedanken der italienischen Auffassung aus inoffiziellen Äußerungen einigermaßen deutlich erkennbar.

1. Rom verteidigt – hierin von den Benelux-Ländern unterstützt – die Gleichberechtigung der Mitglieder der westlichen Allianz, unabhängig von Macht und Größe des einzelnen Landes. Die angeblich geplante Gründung eines Exklusivklubs mit politischen Vorrechten wird als eine Schwächung des Westens angesehen. Selbst wenn Rom in diesen Klub aufgenommen würde, dürfte es kaum von der Zweckmäßigkeit eines solchen Planes zu überzeugen sein.

2. Fanfani wird alles tun, um selbst den Anschein einer Lockerung der Beziehungen zwischen den angelsächsischen Mächten und dem freien Europa zu vermeiden. Wie diese realpolitische Forderung mit der nach wie vor von Italien angestrebten europäischen Integration vereinbart werden soll, scheint man im Palazzo Farnesina, dem neuen Sitz des italienischen Außenministeriums, allerdings noch nicht genau zu wissen. Vermutlich hält Segni, von der Mehrheit der christlich-demokratischen Politiker unterstützt, mehr als Fanfani an den übernationalen europäischen Institutionen fest.

3. Der gleiche Widerspruch ergibt sich aus einem anderen Dualismus der italienischen Haltung. Einerseits befürwortet Rom schon seit Jahren und jetzt, angesichts der drohenden Haltung des Ostens, mehr denn je eine möglichst genaue und regelmäßige Abstimmung der Außenpolitik der westlichen Länder untereinander, andererseits ist man nicht von der de Gaulle zugeschriebenen Idee der Einrichtung eines politischen Sekretariats der EWG begeistert.

4. Fanfani tritt für einen ebenfalls noch zu definierenden Kompromiß zwischen der EWG und der EFTA ein, der die Verwirklichung der europischen Verträge nicht in Frage stellen soll.