Von Azio de Franziscis

Rom, im August

Die neue italienische Regierung des christlichdemokratischen Abgeordneten Fanfani will nicht nur die kommunistische Wühlarbeit energisch unterbinden, sondern auch die rote Flut, die das Land bedrängt, durch sozialpolitische Maßnahmen eindämmen. Die Aussichten für eine allmähliche Gesundung sind so günstig wie noch nie. Fanfani verfügt über eine stabile Mehrheit, und die wirtschaftliche Hochkonjunktur erlaubt großzügige Maßnahmen.

War schon das vergangene Jahr wirtschaftlich das erfolgreichste der Nachkriegszeit, so hat die industrielle Erzeugung in den ersten fünf Monaten 1960, verglichen mit demselben Zeitraum des Vorjahres, um 18 Prozent zugenommen. Diese Zuwachsrate ist die höchste in Europa und dürfte die Zunahme der sowjetischen Produktion übertreffen. Das italienische "Wirtschaftswunder" hat das deutsche in den Schatten gestellt. Der italienische Export hat in den letzten Monaten um 40 Prozent zugenommen. Das Klischee, nach dem Italien das Land der Spaghetti, des Espresso und der Eisdielen ist, stimmt nicht mehr. "Made in Italy" ist auf dem Weltmarkt im Vormarsch. Exportiert werden nicht bloß Südfrüchte, sondern in weit größerem Umbloß Schreibmaschinen und elektronische Rechenmaschinen, Automobile und sogar komplette Industrieanlagen. 1959 wurden 85 000 Fiatwagen allein in Westdeutschland verkauft. Von diesem Boom haben – wenn auch in sehr unterschiedlichem Maß – Millionen Italiener profitiert. Die Facharbeiter Norditaliens haben einen mitteleuropäischen bürgerlichen Lebensstandard erreicht.

Diese Entwicklung begünstigt die Pläne der neuen Regierung zur Bekämpfung des Massenelends, das – als Kehrseite des italienischen Wirtschaftswunders – noch immer in den südlichen Provinzen herrscht. Fanfani, der in den letzten Jahren als der Führer der von utopischen Reformideen erfüllten linkskatholischen Bewegung auftrat, scheint aus den Niederlagen gelernt zu haben. Bei seiner Regierungserklärung gab er sich nicht mehr wie früher als sozialpolitischer Messias. Er scheint gewillt, den sozialen Fortschritt den Leistungen der freien Wirtschaft anzupassen.

Doch selbst wenn er in seinen alten Fehler verfallen sollte, könnte er keine großen Sprünge machen. Die bis Ende Juni nächsten Jahres geltenden staatlichen Haushaltspläne stehen schon fest. Außerdem würde der konservative Wirtschaftsminister Pella keine Experimente mitmachen.

So ist das Regierungsprogramm von wohltemperierter sozialpolitischer Dynamik. Von einer Verstaatlichung der Elektrizitätserzeugung ist keine Rede mehr. Die Landwirtschaft will Fanfani keine einen Fünf jahresplan rationalisieren, der eine Ausgabe von über einer halben Milliarde Lire vorsieht. Die Anstrengungen der Regierung konzentrieren sich jedoch auf die wirtschaftliche Hebung des Südens. Dafür hat der Staat im lernen Jahrzehnt bereits über 2000 Mrd. Lire (rund 14 Mrd. DM) investiert, ohne durchschlagende Erfolge zu erzielen, weil man diese enormen Mittel nicht immer an der richtigen Stelle und sinnvoll verwendet hat. Das soll nun anders werden.