r. g., Schnait

Der Weinort Schnait im Remstal, eine halbe Autostunde von Stuttgart, ist für die Schwaben eine Art Wallfahrtsort. Nicht nur, weil dort auf 140 Hektar in den Lagen Altenberg, Sonnenberg, Halde und Sandmorgen ein vortrefflicher Wein wächst – welcher Schwabe könnte der Ankündigung "Neuer Wein mit Zwiebelkuchen" widerstehen – sondern auch deshalb, weil hier ein Schulmeister namens Friedrich Silcher geboren wurde.

An der Art, wie einer "Unser Silcher" sagt, erkennt man den Sangesbruder; hierzulande aber sagt fast jeder Mann aus dem Volke "Unser Sileher". Wenn Schwaben am Stammtisch versammelt sind, dann kommt unweigerlich die Stunde, da sie zu singen anheben: "jetzt gang i. ans Brünnele ...", "Ob, wie herbe ist das Scheiden..." Irgend eines der Lieder, in denen viel Heimat und Herzeleid vorkommen; und meist ist es von Silcher.

Wenn in den Dörfern oder in den kleineren Städten "gestandene" Männer nicht im Turn- oder Musikverein sind, so sind sie doch wenigstens im Männergesangverein, im "Liederkranz" oder in der "Liedertafel", obwohl der Gesangverein – es ist genierlich, das hinzuschreiben – eine preußische Erfindung ist. Während nämlich Friedrich Ludwig Jahn frisch, fromm, fröhlich, frei die Turner um sich scharte, rief Karl Friedrich Zelter in Berlin seine Liedertafel ins Leben. Vornehmlich für solche Liedertafeln, die sich dann in Württemberg in rascher Folge bildeten, komponierte der Schnaiter Schulmeister Silcher. Er verstand es, Herz und Gemüt zu rühren. Seine schlichten Kompositionen haben überdies den Vorteil, daß sie auch von Dilettantenchören technisch bewältigt werden können. Die schwäbischen Sänger weisen mit Stolz darauf hin, daß vieles erst durch die Bearbeitung Silchers erhalten geblieben ist: "Ich hatt’ einen Kameraden...", "Zu Straßburg auf der Schanz ...", Die Loreley, "Wer will unter die Soldaten..."

Das Schulhaus in Schnait, wo Silcher am 27. Juni 1789 als Schulmeisterssohn geboren wurde, ist zu einer "Weihestätte" geworden oder, wie ein Sangesfreund aus New York emphatisch ins Gästebuch schrieb, sogar zu einem "Volksheiligtum". Das saubere Fachwerkhaus neben der Kirche beherbergt seit bald fünfzig Jahren das Silcher-Museum. So viele Gäste freilich, wie in diesem Jahr, hat es noch nie gesehen: Es kommen ganze Gesangvereine in Autobussen, sangesfreudige Handwerksmeister im schwarzen Mercedes, Schulklassen mit der Bahn und Wanderer mit dem Fahrrad. Am 26. August jährt sich der Todestag Silchers zum hundertsten Male.

In diesem Museum sind die bescheidenen Zeugnisse seines Lebens ausgebreitet, Erinnerungen auch an seine Zeit in Tübingen. Dort ist er als simpler Schullehrer zum Musikdirektor an der Universität bestellt worden. Partituren liegen in den Vitrinen und vom Band erklingt es: "Nur frisch, nur frisch gesungen..."

Fahnen, Symbole, Erinnerungen an große Sängerfeste – im Jahr 1960 riecht es nach Plüsch, Staub, Stehkragen, nach Vereinsstatuten. Aber für die Besucher ist’s ein Ereignis, Dann schlägt die Pendüle, und Herr Lachenmann, der Betreuer des Hauses, erläutert: "Silchers Uhr hat geschlagen. Sie geht falsch. Sie zeigt nicht die richtige Zeit an. Aber sie geht."