Eine entsprechende psychische Einstellung allein kann selbstverständlich die fortlaufende Verbesserung der Weltrekorde nicht erklären. Das Tempo dieser Leistungssteigerungen hat ein solches Ausmaß angenommen, daß zum Beispiel sämtliche deutschen Olympiasieger der Spiele von 1936 heute in Rom nicht mehr zugelassen würden, da sie die Olympianorm auch nicht entfernt erreicht hätten. Die besten deutschen Sprinter aus der Zeit vor 25 bis 30 Jahren – Körnig, Jonath oder Borchmeyer – würden dagegen in ihrer Bestform in Rom zumindest noch in der 4X100-m-Staffel stehen. Das gleiche gilt für den gefallenen Weitspringer Long, der auch heute noch Medaillenanwärter wäre – und Owens könnte als einziger in Rom noch siegen! Sprint und Weitsprung sind Talent, Begnadung und nicht Fleiß.

Dieser kleine Überblick deutet schon an, was eine umfassendere Untersuchung beweist, daß nämlich das Tempo der Rekordverbesserungen für die einzelnen menschlichen Fähigkeiten sehr verschieden ist. Am stürmischsten steigerten sich die Leistungen bei jenen Übungen, bei denen sich Kraft mit Schnelligkeit und Geschicklichkeit paart. Das Gewichtheben sowie Wurf- und Stoßübungen sind hier zu nennen. Am geringsten sind die Rekordverbesserungen bei jenen Disziplinen, bei denen es darauf ankommt, die höchste Fortbewegungsgeschwindigkeit des eigenen Körpers zu er reichen, beim Sprint. Hierzu ist auch der Weitsprung zu zählen.

Manche hatten schon fast mit Befriedigung notiert, daß endlich einmal das Ende eines Rekordes erreicht sei. Wenn dies auch noch nicht ganz der Fall ist, so beginnt sich hier doch die Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit abzuzeichnen. Nicht viel anders steht es mit den Sprintstrecken, wo es noch fraglich bleiben muß, ob sich zum Beispiel die maximale Schnelligkeit überhaupt noch wesentlich in den letzten 25 Jahren verbessert hat. Die 100-Meter-Zeiten geben nämlich nur die mittlere Geschwindigkeit an. Sie sagen nichts aus über die Beschleunigung nach dem Start, die Höchstgeschwindigkeit und den Ermüdungsabfall des Tempos. Außerdem sind die derzeit gebräuchlichsten Meßmethoden in der Praxis für die Sprintstrecken so unzulänglich, daß sie eine Fehlerbreite bis zu 2/10 Sekunden aufweisen. Die oft mit solcher Lautstärke ausposaunten neuen Weltrekorde über 100 Meter können deshalb zur Zeit ohne weiteres auch auf reinen Meßfehlern beziehungsweise Frühstarts beruhen. Wegen der Vielzahl übereinstimmender Meßergebnisse dürfte jedoch daran nicht zu zweifeln sein, daß sich die mittlere Geschwindigkeit über 100 Meter in den letzten 25 Jahren noch verbessert hat.

Ganz erstaunlich ist gegenüber der so minimalen Zunahme der menschlichen Schnelligkeit die enorme Steigerung der menschlichen Ausdauer. Bei einer Übung wie dem Langstreckenlauf kann die Ausdauer nicht auf eine entscheidende Verbesserung der Lauftechnik, sondern nur auf eine modernere Trainingsform, das sogenannte Intervalltraining, zurückzuführen sein. In den Grundzügen wurde das Intervalltraining schon von Nurmi "entdeckt", ohne daß er auch nur entfernt seine Möglichkeiten ausschöpfte. Dies gelang erst dem tschechischen Offizier Zatopek, bei dem das Training asketische, ja fast geißlerische Züge annahm. Das Prinzip dieses neuen Ausdauertrainings besteht in der Rhythmisierung der Arbeitsintensität. Zahlreiche Phasen eines höheren Tempos stehen im periodischen Wechsel mit solchen eines niedrigeren Tempos. Dabei kommt es in der Phase des niedrigeren Tempos, der sogenannten "Trabpause", zu einem Ansteigen der Sauerstoff aufnahme und einer Vertiefung der Atmung, ebenso zu einer Vergrößerung der vom Herzen pro Herzschlag ausgeworfenen Blutmenge, obwohl man wegen des Absinkens der Arbeitsintensität das Gegenteil erwarten sollte. Durch diese ökonomisierung der Atmung- und Kreislauffunktion erhält ein Läufer in der Trabpause sozusagen jedesmal eine kurze Sauerstoffinhalation. Dadurch wird er in die Lage versetzt, ohne Gefahr der Übermüdung viel länger und härter trainieren zu können. Dieses Trainingsprinzip gilt selbstverständlich genauso für die Schwimmer, Radrennfahrer, Skilangläufer, Kanuten und Rennruderer. Durch Anwendung des Intervalltrainings, vereint mit dem modernen Muskelkrafttraining, ist es den deutschen Ruderern, die als besonders konservativ gelten, gelungen, die seit 1936 in der gesamten Welt des Ruderns währende Stagnation nochmals zu überwinden.

Neben dem Intervalltraining ist es das erwähnte Muskelkrafttraining, das in Verbindung mit großer Schnelligkeit und neuen verbesserten "Techniken" die Ursache für die "Traumleistungen" der Gewichtheber, Werfer und Stoßer darstellt. Beim Rennrudern haben die Antipoden Kraft und Ausdauer eine Ehe geschlossen, und hier wurden körperliche Fähigkeiten gemeinsam hochtrainiert, von denen man früher annahm, daß sie sich gegenseitig ausschließen würden. Muskelkolosse, die drei Zentner stemmen können (in der Fachsprache heißt es ‚Stoßen"), die außerdem so schnell wie ein guter Sprinter sind, die zudem noch über ihre eigene Körpergröße hinwegzuspringen vermögen und schließlich beinahe die Geschicklichkeit eines Berufsartisten aufweisen, hat es früher einfach nicht gegeben, weil das Training noch viel zu einseitig und unvollkommen war. Wie sehr neue "Techniken" den Leistungsaufschwung ermöglichten, zeigt zum Beispiel der Hammerwurf, bei dem noch 1936 von den deutschen Olympiasiegern Hein und Blask nur die Zentrifugalkraft des Gerätes ausgenutzt wurde, während man heute durch ein "Nachschleifen" des Hammers während der letzten blitzschnellen Drehung die Möglichkeit einer zusätzlichen Beschleunigung durch Zug vor dem Abwurf geschaffen hat. Während 1936 der Hammer eine Abwurfgeschwindigkeit von, sagen wir, 80 km pro Stunde besaß, wurde diese durch diesen "Trick", der eine enorme Geschicklichkeit und einen besonderen Trainingsdrill erfordert, nun auf beinahe 100 km pro Stunde gesteigert. Nicht zuletzt spricht auch die fortschreitende Perfektion der Kampfstätten, zum Beispiel der Abwurfkreise, die früher aus gestampfter Asche, heute aus Zement bestehen, eine wesentliche Rolle.

Beim Hochsprung wurde ein 1936 noch verbotener Sprungstil zu letzter Vollkommenheit entwickelt, der Stil des "Kopf vor", bei dem der Springer sich bäuchlings über die Latte wälzt. Hierdurch ergab sich eine noch günstigere Schwerpunktlage. Der Körperschwerpunkt wird jetzt, überspitzt ausgedrückt, unter der Latte "hindurchgemogelt".

Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, daß man den "Traumrekorden" ihren Glorienschein ruhig nehmen sollte. Sie sind mit viel Schweiß und auch einigem Nachdenken schwer erarbeitet, wenigstens in den sogenannten Fleißübungen. Eigentlich sind sie eine Täuschung, ein Scheinproblem. Sie beruhen darauf, daß vor Jahrzehnten die Trainingsmethoden und oft auch die Techniken noch ganz unzulänglich waren und niemand auch nur eine Ahnung hatte, bis zu welchem Ausmaß die Anpassungsmöglichkeiten des menschlichen Organismus reichen und bis zu welchem Optimum das funktionelle Zusammenspiel im menschlichen Körper noch gesteigert werden konnte. Die Frage, ob solche extremen Anpassungsvorgänge nicht auch auf Kosten der Gesundheit geschehen können, wird von der Medizin noch diskutiert. Es hat sich aber jetzt schon herausgestellt, daß die bisherigen Befürchtungen weit übertrieben waren; denn der Rekord von gestern hat sich als Durchschnittsleistung von heute erwiesen.