Paris, im August

Der größte Schaden, den der Mali-Krach anrichtete und noch anrichten kann, wird Paris treffen. Zum erstenmal wurde die von General de Gaulle ins Leben gerufene französisch-afrikanische Gemeinschaft einer Belastungsprobe unterworfen. Die feierlichen und pathetischen Trinksprüche auf das ideelle und praktisch-politische Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den jungen Republiken Senegal und Sudan und dem ehemaligen Kolonial-Mutterland Frankreich wurden bei der erstbesten Gelegenheit von den Afrikanern Lügen gestraft.

Die Ereignisse von Dakar in der Nacht von Freitag auf Samstag vergangener Woche liefen ab, ohne daß man auf die Idee gekommen wäre, den Präsidenten des französisch-afrikanischen Commonwealth, General de Gaulle, um seine Meinung zu fragen. Weder der vom Ehrgeiz und von marxistischen Idealvorstellungen träumende Sudanese Keita noch der scheinbar hundertprozentig de Gaulle treue Senegalese Senghor unterscheiden sich da.

Während Keita erklärte, der Mali-Staat – jene Föderation, mit der Paris seine Freundschafts- und Beistandsverträge abgeschlossen hat – sei bedroht, kündigte der andere kurz entschlossen die junge Ehe. Wenn es in Mali im Gegensatz zu den Erfahrungen im Belgischen Kongo nicht zum offenen Krieg kam, ist es vielleicht nur dem Zufall zu danken. Daß Paris nicht konsultiert und kaum verständigt wurde, kann für die communaute nicht sehr ermutigend wirken.

Unter diesen Umständen muß General de Gaulle schon froh sein, wenn die Verantwortlichen des Sudan und des Senegal wenigstens nachträglich nach Paris kommen. Der Senegal, zum zweitenmal in drei Monaten "unabhängig" geworden, entschloß sich, der französischen Gemeinschaft treu zu bleiben und alle Rechte und Pflichten, die die Mali-Föderation auf sich genommen hatte, zu übernehmen. Keita und der Sudan sind für de Gaulle ein sehr viel schwierigeres Problem. Man macht sich in Paris darauf gefaßt, daß der Sudan der Gemeinschaft verlorengeht und, was noch schlimmer ist, daß der Sudan morgen ins Lager des Feindes überwechselt und sich mit dem marxistischdiktatorischen Guinea Sekou Tourés verbündet.

Damit hätte Frankreich seine zweite ehemalige Kolonie innerhalb von zwei Jahren praktisch kampflos und für immer verloren. Ein Streit um den Abzug von Streitkräften und die Räumung von Militärstützpunkten – vier sind im Sudan den Franzosen vertraglich zugestanden – würde beginnen. Die 1400 Kilometer lange ungedeckte Südflanke Algeriens würde plötzlich aufgerissen, das ehemals französische Westafrika wäre endgültig zerschlagen – ganz zu schweigen von der Zerstörung wirtschafts- und handelspolitischer Zukunftsträume.

In Paris weiß man nicht, wie de Gaulle sich aus der Affäre ziehen wird. Mit seiner Autorität allein, fürchtet man, wird er bei einem so klugen und streitbaren Geist wie Keita nicht viel ausrichten können. Keita, wenn er tatsächlich noch nach Paris kommen sollte – was bis zur Stunde noch nicht feststeht – weiß genau, daß ihn de Gaulle nicht zum Sündenbock stempeln kann, er hat genug Material gegen Senghor und dessen Schatten Mamadou Dhia vorzubringen; Dinge, die sich weder mit den Idealen der französisch-afrikanischen Gemeinschaft noch mit den Ideen über ein junges, aufstrebendes Afrika, so wie de Gaulle es sich wünscht, vertragen. Sigfrid Dinser