Als die Aktionäre der beiden Ufa-Gesellschaften Ende Juli in Berlin tagten, um auf der Hauptversammlung die Verlustabschlüsse des Konzerns zu genehmigen, lagen ihnen die Geschäftsberichte über das letzte Jahr vor. Der obligatorische Bericht des Aufsichtsrates, mit dem Datum „im Juni 1960“, schloß mit der Formel: „Der Aufsichtsrat hat sich in Erfüllung seiner gesetzlichen Prüfungspflicht auf Grund der Berichterstattung des Vorstandes und aus eigener Initiative über Lage und Entwicklung der Gesellschaft fortlaufend unterrichtet, alle wesentlichen Maßnahmen des Vorstandes überwacht und die grundsätzlichen Fragen mit ihm erörtert.“ Knapp drei Wochen später wurde die Öffentlichkeit durch eine Pressenotiz der Deutschen Bank AG mit der Tatsache bekanntgemacht, daß der Vorsitzer des Vorstandes der Ufa, Arno Hauke beurlaubt worden sei: „Er wird seine Vorstandstätigkeit nicht wieder aufnehmen.“

Abgesehen davon, daß die zuständigen Stellen der Konzernverwaltung in Düsseldorf erst von Außenstehenden den Inhalt der Pressenotiz erfuhren – als sie um eine Stellungnahme gebeten wurden –, erscheint an der bisherigen Behandlung des „Falles Hauke“ noch anderes unklar. –

Wir haben keinen Grund, den gestürzten Ufa-Chef in Schutz zu nehmen – sehen allerdings auch keinen, der eine Abberufung von heute auf morgen gerechtfertigt erscheinen ließe. Der Besucherrückgang in den Kinos ist in allen Ländern mit großer und steigender Fernsehdichte – einschließlich des Ostblocks – eine unumstößliche Tatsache. In den USA ist die jährliche Besucherzahl von 3120 Mill. (1950) auf 2168 im vergangenen Jahr zurückgegangen, in Großbritannien in der gleichen Zeit von 1396 auf 601, in der deutschen Sowjetzone von 316 (1957) auf 235 Mill. im letzten Jahr. Sinkende Einnahmen bei steigenden Kosten haben den britischen Filmgewaltigen J. Arthur Rank dazu bewogen, einige seiner größten Lichtspielhäuser in London zu Kegelbahnen umzubauen, deren automatische Aufstellmaschinen täglich fast 24 Stunden lang pausenlos in Betrieb sind. Selbst die alte Ufa der Hugenberg-Zeit, die heute manchem aus der zeitlichen Distanz als „Traumfabrik“ par excellence erscheint, hat öfter als einmal mit gefährlichen roten Zahlen gearbeitet. Auch prädikatisierte Filme müssen nicht „Bestseller“ sein.

Selbst wenn Hauke – dem sogar seine Kritiker hohe kaufmännische Fähigkeiten bescheinigt haben – hier grob fahrlässig oder schuldhaft das Defizit in die Höhe getrieben hätte, bliebe die bisher der Öffentlichkeit auch nicht andeutungsweise beantwortete Frage: Wie konnte dies dem AR, der doch „alle wesentlichen Maßnahmen des Vorstandes überwacht“ hat, über sieben Monate lang nach dem Schluß des Geschäftsjahres verborgen bleiben?

Filmschaffenden wird nicht selten der Hang zu Eifersüchtelei, Mißgunst und anderen Spielarten persönlicher Animosität nachgesagt. Die neue Ufa, erst Mitte 1956 aus den Wirren der „Entflechtung des ehemals reichseigenen Filmvermögens“ wiedererstanden, hat ohne eigene Schuld ihre ersten Schritte in einer Zeit tun müssen, die nicht nur ihr, sondern dem Film überhaupt im Wettbewerb mit neuen Unterhaltungsmedien das Leben schwer macht. Eine baldige plausible Erklärung über den wahren Grund für den „Urlaub“ Haukes wäre das beste Mittel, um jeden Verdacht zu beseitigen, hier sei aus überwiegend persönlichen Beweggründen eine Maßnahme getroffen worden, für die noch ein sachlicher Vorwand gefunden werden muß. gns.