Der Artikel „Das Obszöne in der Literatur und außerhalb“ von Professor Ludwig Marcuse (in der ZEIT Nr. 34) hat etwa gleich viel Zustimmung und Ablehnung gefunden. Schreibverbot hat niemand gefordert. Im Folgenden nimmt der Leiter unserer Münchner Redaktion Stellung.

Ludwig Marcuses Ausführungen über „das Obszöne in der Literatur“ geben gerade dem Leser, der auch das „Streitgespräch“ im Bayerischen Rundfunk gehört hat, Anlaß zu einigen Anmerkungen.

Zunächst: „Schmutz um des Schmutzes willen“ – diese Formulierung ist freilich von denen, die mit ihr argumentieren, nicht glücklich gewählt. Aber jeder weiß, was damit gemeint ist; nämlich: Obszönität um des guten Geschäftes willen, das damit zu machen ist und gemacht wird. Es handelt sich um die Anprangerung kalt berechneter Aufreizung der Lüsternheit mit dem Ziel ihrer geschäftlichen Ausbeutung.

Die Berufung auf die berühmten Beispiele erotischer Literatur in früheren Kulturepochen, insbesondere im Altertum, geht an der aktuellen Problematik der Sache in unserer Zeit vorbei. Der Unterschied liegt darin, daß damals nur eine kleine Schicht von Gebildeten überhaupt lesen konnte, die erstens solchen Reizungen gegenüber auch genug geistige Überlegenheit besaß, um sie mit Verstand zu genießen, zweitens aber, wenn sie dennoch durch solche Lektüre „gefährdet“ gewesen sein sollte, schließlich zahlenmäßig nicht ins Gewicht gefallen wäre.

Heute hingegen nehmen Millionen, für deren gesetzliche, intellektuelle oder moralische Mündigkeit niemand einzustehen vermag, diese Reizlektüre in sich auf, und auf Hunderttausende wirkt sie (natürlicherweise) tatsächlich „aufreizend“ im Sinne sexueller Überbegehrlichkeit – oder auch Abstumpfung. Die dauernd zunehmende Häufung sittlicher Verbrechen infolge solcher künstlicher Aufstapelung ist allen Strafrichtern bekannt.

Am bedenklichsten ist Marcuses Meinung (im Rundfunkgespräch ganz kategorisch ausgesprochen) „Was geht es den Autor an, wenn sein Geschriebenes auf manche Leser eine schlechte Wirkung ausübt?“

Ich möchte hierauf – weil das eine durchaus unmodische Anschauung wäre, mit welcher man unter aufgeklärten Zeitgenossen sogleich „abgemeldet“ ist – nicht mit einer ausführlichen Begründung der Binsenwahrheit antworten, daß selbstverständlich der Künstler und der Schriftsteller eine Verantwortung vor der Öffentlichkeit besitzt. Ich begnüge mich mit der Feststellung, daß sich der Öffentlichkeit anbieten zugleich heißt: sich den Gesetzen ihrer existenziellen Interessen unterwerfen.