Von Dr. H.C.S. Wood, Lecturer am Royal College of Science and Technology, Glasgow, Großbritannien

Das akademische Leben der erstsemestrigen Studenten ist an den meisten britischen Universitäten sehr viel strenger organisiert als in Deutschland. Nur das befriedigende Bestehen der zahlreichen Zwischenexamen erlaubt dem Anfänger ein Vordringen in die nächsthöheren Kurse.

In Deutschland hingegen ist der Chemiestudent, sobald er einmal einen Laborplatz erhalten hat, mehr sich selbst und der Absolvierung eines experimentellen Programms überlassen, zu dessen Durchführung er vorgeschriebene Textbücher zu Rate ziehen muß.

Die dem Anfänger in Vorlesungen dargebotene Theorie nimmt einen vergleichsweise kleinen Raum ein gegenüber dem praktischen Training.

Wie unterscheiden sich die beiden Systeme? Ich denke, der gute Student wird auf beide Arten zum Ziel gelangen. Der Unterschied ergibt sich meiner Ansicht nach erst beim Durchschnitt und beim nicht so guten Studenten. Meiner Ansicht nach bieten häufigere Examen einem solchen Studenten eine beträchtliche Hilfe schon dadurch, daß sie ihm die selbstkritische Überprüfung seiner eigenen Fortschritte erlauben. Nicht weniger nützlich sind die Zwischenprüfungen aber für den Dozenten, der so schon zu einem früheren Zeitpunkt in die Lage gesetzt wird, das Können des Studenten richtig einzuschätzen und ihm unter Umständen von einer Fortsetzung seines Studiums abzuraten. Ich habe den Eindruck, daß eine solche Auslese an deutschen Universitäten oft zu spät erfolgt und daß dadurch unter Umständen wertvolle Arbeitsplätze blockiert werden.

Die Betonung der praktischen Aspekte im deutschen Chemieunterricht fällt stark ins Auge. Dies ist sicherlich nicht falsch, da die Chemie traditionsgemäß in erster Linie eine Experimentalwissenschaft ist.

Da sind jedoch zwei Punkte, die in Rechnung gestellt werden müssen.